Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

Page: 135
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1897/0074
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
135

Büoherschau.

136

IVa) ist wegen des beschädigten Zustandes nicht sicher
zu deuten. Die Bezeichnung des Hauptbildes (Taf. Ia)
als Hochzeitsinahl ist im Kähmen des ganzen Bilder-
cyklus ganz passend, wenigstens zulässig, da die Per-
sonen durch nichts besonders charakterisirt sind, um der
ganzen Scene eine andere sichere Deutung zu geben. Die
Zeitbestimmung der Bilder nicht vor 1200 und bald
nach 1215 trifft im Ganzen das Bichtige.

Bei dem profanen Charakter der Bilder kann von
einer Kapelle oder kryptaartigen Anlage, für die dieser
Baum gedient haben soll, nicht die Bede sein. Dies be-
weist Gerland noch besonders in der gründlichen Unter-
suchung der Baugeschichte des Hessenhofes, welche er
mit Plänen nach den Originalzeichnungen der Künigl.
Bauinspektion zu Schmalkalden der Erklärung der
Bilder vorausschickt.

Außer der Bereicherung unserer kunstgeschichtlichen
Litteratur hat Gerland's Arbeit noch das Verdienst,
dem ersten Gesetze archäologischer Kritik und Herme-
neutik zu seinem Rechte verholten zu haben, dass Denk-
mäler immer zunächst aus sich selbst erklärt und litte-
rarische Quellen nach gründlicher Prüfung erst an zweiter
Stelle herangezogen werden sollen. Jenes Verfahren, erst
die Urkunden und dann die Denkmiller reden zu lassen,
führt zu den leider nicht vereinzelt dastehenden Fällen,
wo derartige übereilte Forschungen unter dem schein-
baren Schutze urkundlicher Beglaubigung Eingang in
die wissenschaftliche Litteratur finden. —a—

Heinrich Finke, Carl Müller. Sein Leben und künst-
lerisches Schaffen. Köln, Bachem 1890. — 8«. 117 S.
Das Andenken Carl Müller's, des 1893 gestorbenen
Meisters der neueren katholisch-christlichen Malerei in Düssel-
dorf, ist bei seinen zahlreichen Bewunderern und Verehrern
nicht erblichen; wird es doch durch Werke lebendig er-
halten, die allen Anfeindungen seitens moderner Intoleranz
zum Trotz eine unvergleichliche Verbreitungsfähigkeit be-
sitzen und das heute seltene Schauspiel geben, das uns einen
Künstler als den begehrten Freund und Tröster der Gläu-
bigen aller Nationen, und zwar auch der kunstverständigen,
zeigt. Diesem Publikum wird das vorliegende Buch ganz
besonders willkommen und erfreulich sein; Fernerstehende
mögen aus ihm lernen, dass auch bei einer entschieden
stilisirenden Kunstrichtung Künstler und Kunstwerk sich
decken können und dass von Unwahrheit und Manier da nicht
geredet werden darf, wo der Maler den höchsten Idealismus
sich als Gewissenssache abfordert. Von solcher Gesinnung
zeugt jede Seite des Finke'schen Buches, das mit großer
Wärme und viel Verständnis auf Grund ausgiebigen, zum
Teil bisher unbenutzten Materials verfasst ist. Vorzüglich
die Abschnitte über die Fresken der S. Apollinariskirche
und über die beiden großen Enttäuschungen Müller's, Mar-
seille und Bonn, bringen viel Neues und Interessantes Jedem,
der noch der Kunst einer mit Unbilligkeit verrufenen
Periode nachgeht. 0.

Der geniale Mensch von Hermann Türe!,-. Zweite Auflage.
Jena und Leipzig. Verlag von Otto Rassmann. 1897. 8°.
Nicht leicht ist uns ein Buch in der Form so wenig, im
Inhalt so sehr zeitgemäß erschienen, wie dieser „Geniale

Mensch" von Hermann Türck. Wir sind nämlich durch die
Erziehung der letzten Jahrzehnte, in denen die empirischen
Wissenschaften herrschend wurden, so sehr an konkrete
Darstellung auch philosophischer Probleme gewöhnt, dass
uns die Lektüre rein dialektischer Schriften schwer fällt.
Hermann Türck ist so ein dialektischer Autor, der deduktiv
vorgeht, die These an die Spitze seiner Rede stellt und sich
von der Höhe der abstrakten Begriffe nur ganz allmählich
in das freudige und saftige Gebiet der konkreten Thatsachen
herablässt. Und da er nicht knapp schreibt, sondern sich
häutig wiederholt, so stellt er unsere Geduld ein bischen auf
Probe. Aber man thäte ihm Unrecht, wenn man die Ge-
duld verlöre. Ist auch — für den Kenner der philosophischen
Ästhetik seit ihrem Begründer Schiller — nicht alles neu,
was Türck vorbringt, so ist es doch gut und selbständig

| gedacht und zur rechten Zeit vorgebracht. Denn es ist hohe
Zeit, sich auf den wahren Begriff des Genie's zu besinnen,
da so viele einen falschen zu verbreiten suchen. Mit der
richtigen Auffassung des Genie's, seines Wesens, seines Wertes,
seiner Stellung zu den übrigen Menschen, hängen die höchsten
Ideen über die Menschheit und ihre Ideale zusammen. Wenn
es so weit gekommen ist, wie bei den Dekadenten, dass man
allen Fortschritt des Menschengeschlechtes nur den Leistungen

i von Kranken zuerkennen will, oder dass man mit Lom-
broso die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn für uner-
kennbar erklärt, und bei gewissen Leuten alles Verrückte
für genial gehalten wird, dann ist es sehr-nützlich, jene Lehre
vom Genie, welche die großen Männer selbst ausgesprochen
haben, wieder hervorzuholen. Und das eben thut Türck,
wie gesagt, nicht nach der induktiven Methode moderner
Psychologie, die wohl ratsamer gewesen wäre, sondern
deduktiv. Er geht von den Definitionen aus, die Goethe
und Schopenhauer vom Wesen des Genie's gaben, verbindet
beide Erklärungen, ergänzt und stützt sie durch die Ideen
Schillers und schreitet dann weiter zu einer Verbindung der
Psychologie Schopenhauer's mit den spekulativen Ideen
Spinoza's von Gott und der reinen Erkenntnis. Schopen-
hauer sagte: „Genialität ist nichts anderes, als die voll-
kommenste Objektivität, das heißt die objektive Richtung
des Geistes, entgegengesetzt der subjektiven, auf die eigene
Person gehenden." Goethe sagt: „Das Erste und Letzte,
was vom Genie gefordert wird, ist Wahrheitsliebe." Jene
„Objektivität" und diese „Wahrheitsliebe" verbindet nun
Türck in geistreicher Weise und erweitert die Schopen-
hauer'sche Lehre vom künstlerischen Genie auch auf das
philosophische und praktische Genie. Darnach ist das Genie
der äulJerste Gegensatz des bomirten Menschen, der nicht
objektiv sein, nicht aus dem Kreis seiner engen selbstischen
Interessen heraustreten kann. Mit dem Begriff der Objek-
tivität ist aber auch der der Selbstlosigkeit, der Güte ge-
geben; ein Genie kann eo ipso kein schlechter Mensch sein;
menschliche Güte liegt nicht in der Herrschsucht, sondern
in der Hingabe an das Interesse der Anderen. Sehr hübsch
unterstützt Türck seine Lehre durch psychologische Deutung
der evangelischen Sittensprüche, der Äußerungen Christi und
ebenso Buddha's. Dann korrigirt er auch Schopenhauer.
Dieser hat das Wort „Wille" zu allgemein überall dort ge-
braucht, wo er doch nur Selbstsucht meinte; als er von der
„Verneinung des Willens" sprach, konnte er wohl nur Ver-
neinung der Selbstsucht meinen. Der Wille überhaupt, als
die primäre Energie des Menschen, lässt sich gar nicht
verneinen. Eine willensfreie Erkenntnis oder Anschauung
giebt es nicht u. dergl. mehr. Wir können hier nicht die ganze

! Lehre Türck's, die schließlich in der Metaphysik des Ab-

I soluten mündet, nachzeichnend wiederholen. Nur soviel sei
loading ...