Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Moderne Kunst in Florenz.

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fassen, was das politisch geeinte Italien heute in den
schönen Künsten zu leisten vermag.

Die erste internationale Kunstausstellung in Florenz
hat nichts gleich Großartiges aufzuweisen wie Michele
Michetti's „Tochter des Jovio" oder Segantini's „Heimat-
lose", besitzt auch kein ähnliches Sensationsstück wie
Grosso's „Supremo convegno", drei wirksame Anziehungs-
punkte der vorjährigen Mostra in Venedig; es stört
aber auch nicht so viel Wertloses und Ungeniessbares,
wie dort vor allem unter den Deutschen und Franzosen
zu sehen war, den bleibenden Gesamteindruck, der ein
durchaus erfreulicher ist. Gleich im ersten Saal hängt
Carguel's „Lupo di mare", das mit breiten sicheren
Pinselstrichen ä la Franz Hals ausgeführte Porträt
eines alten Seemanns, in dessen verwitterten Zügen ein
ganzes Leben von Sorge und Mühe, Sturm und Wetter
seine Spuren zurückgelassen hat. Daneben erblickt man
des Lombarden Belloni vielbewundertes, indessen ein wenig
konventionelles Bildnis einer jungen Dame in Trauer;
der ernste sinnende Ausdruck in den klaren, blauen
Augen zieht uns an, aber warum wählte der Künstler
das mit bunten Tellern besetzte Büffet eines Esszimmers
als Hintergrund für ein so ernstes Bild? Belloni ist
als Landschaftsmaler vielleicht noch bedeutender wie
als Porträtist, er ist noch durch einen „Herbstanfang"
und einen „Sonnenuntergang" aufs beste vertreten und
versteht es, seinen Farben eine große Leuchtkraft und
Wärme zu verleihen. Wie golden ruht das Abendlicht
im „Sonnenuntergang" auf der spiegelglatten Meeres-
fiäche, auf welcher die Schiffe wie dunkle Schatten
ruhig dahingleiten! Des Florentiners Cannicci „Heu-
ernte im Wasser" ist eins der besten seiner ausgestellten
Bilder, die beschwerliche Arbeit der jungen, unver-
drossenen Leute geht in stimmungsvoller Flußlandschaft
vor sich, und es fehlt nicht an einzelnen anmutigen
Motiven. Als ein Landschaftsmaler ersten Ranges zeigt
sich auch wieder der Venezianer Sartorelli, welcher zwei
Bilder gesandt hat. Im ersten Saal bewundern wir eine
Gebirgseinsamkeit — eine Hütte am See, in den das
Gebirge steil hinabfällt, zwei Schafe im Vordergrund
im hohen Grase weidend — von ebenso tiefer und edler
Empfindung wie die „Abenddämmerung" in einem der
nächsten Räume, die eine Berglandschaft mehr nordischen
Charakters wiedergiebt.

Einen kleinen Raum mit Bronzen und Skulpturen
durchschreitend, wo die Namen Rossi und Cifariello
zu nennen sind, gelangt man in ein größeres Gemach.
Hier kann man drei der besten Florentiner Meister auf
einmal kennen lernen, Vinea, Francesco Gioli, Fattori,
und neben ihnen behauptet sich Segantini mit drei
nebeneinander aufgehängten Bildern, die sofort an der
mosaikartigen Technik kenntlich sind. Allerdings wird
Vinea's allegorisches Kolossalgemälde, ein nacktes Weib
in ebenso herausfordernder Haltung wie ein mächtiger
Löwe mit der Frage darunter „wer ist stärker", bei

wirklich ernsten Kunstfreunden wenig Anklang finden;
eine solche Leistung, ob sie gleich mit all den reichen,
technischen Mitteln ausgeführt ist, welche dem bedeuten-
den Künstler zu Gebote stehen, kann doch nur als Ver-
irrung beklagt werden. Fattori vor allem und Gioli
retten die Ehre von Florenz. Ein Strandbild des letzteren
von Livorno zeigt ein junges Weib, welches ein Kind
auf dem Arm, eins an der Hand, dem Fischerboot nach-
schaut, das den Gatten auf dem ruhigen Wasser davon-
trägt, auf welches die Abendnebe] dichter und dichter
herabsinken. Ein reizvolles Stück Leben, das überdies
mit warmer Empfindung und reich entwickeltem Farben-
sinn vorgetragen ist. Fattori's Sumpf- und Steppenein-
samkeiten, hier und dort mit einem versteckten Blick auf
das blaue Meer, sind ungesuchte Naturschilderungen von
eigentümlichem Reiz. Wenige Künstler können so in
Farben empfinden wie Fattori, der, jegliches Detail ver-
nachlässigend, doch eine wunderbar fesselnde und wahre
Gesamtwirkung erzielt, der das Meer so leuchtend und
lebendig zu schildern versteht und so meisterhaft die
hohen zitternden Schilf- und Sumpfgräser der Einöde
malt, zwischen denen die prächtigen weißen Büffel-
herden sich vergnügen.

Segantini hat das große stimmungsvolle Bild, zwei
Trauernde, welche in schneebedeckter Landschaft an einem
Grabhügel beschäftigt sind, das man im Sommer schon
in München sehen konnte, ausgestellt, daneben zwei
kleinere Werke „die Frucht der Liebe" und als aller-
neuestes „die Liebe am Lebensquell". Dies letzte Ge-
mälde, im Einzelnen oft sehr mangelhaft gezeichnet, ist
als Ganzes doch eine hervorragende Leistung. Phan-
tastisch, wie ein Gedicht Rossctti's. schildert es ein Liebes-
paar in alpenrosenreicher Gebirgseinsamkeit. Engver-
scblungen, in weißen flatternden Gewändern, schreiten sie
eilig und fröhlich zum Lebensquell, an dessen Rande
eine weibliche Gestalt mit ungeheuren Schwingen Wache
hält. Ein schlicht und anmutig geschildertes Schnitter-
mädchen von E. Morelli, Ferroni's „Volkslied", eine
singende Stroharbeiterin, wie man sie häufig in den
Vorstädten von Florenz im Val d'Arno sieht, Esposito's
köstliche Darstellung des Golfs von Neapel nach Sonnen-
untergang schmücken noch den an guten Kunstwerken
besonders reichen Saal: in den übrigen Räumen wird
die Ausbeute weniger ergiebig sein.

Grosso's Kolossalgemälde der Schauspielerin Virginia
Reiter, welches inzwischen die Turiner Kunstakademie
erworben hat, beherrscht den nächsten Saal. Die Künst-
lerin, eine üppige, hohe Gestalt mit schwarzen Augen
und Haaren, ist in einer Empire - Toilette aus gelbem
Atlas dargestellt, in welcher sie auf einem Maskenfest
in Turin alle Welt entzückte. Aller Luxus des Lebens
ist um sie hergestreut, aber obwohl niemand dem Künstler
seine Meisterschaft streitig machen kann, so verletzt
doch die selbstbewusste Haltung, die grobsinnliche Auf-
fassung dieser Frau, und es ist erfreulich, dass Grosso
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