Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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besondere auch dem Laien zu zeigen geeignet war, dass der
Vollendung einer der so manchmal an den Schaufenstern
unserer Kunsthandlungen bewunderten Radirungen mehr als
eine mühevolle und zeitraubende Operation vorausgeht.

Wien. (Im Dezember.) — Im Eessel-Park, vor der evan-
gelischen Schule, erhebt sich seit einigen Wochen ein von
hohen Festern überdachter Bretterbau. Hier stellt der Maler
Josef Hoffmann einen Teil der von seiner Weltreise heim-
gebrachten Studien und Skizzen aus, die er als Teilnehmer
der Expedition des wissenschaftlichen Klubs mitgemacht hat.
Es liegt in der Natur der Sache, dass bei einer solchen im
Fluge erhaschten Reihe von Eindrücken mehr das Gegen-
ständliche als das subjektive Empfinden in Betracht kommt.
Nicht eine fertige Ausstellung von Kunstwerken wollte der
Künstler bringen, wie er selbst in der Einleitung zum Katalog
sagt, sondern er ist bemüht gewesen, „die Erscheinungen und
Objekte so treu, wie es Zeit und Ort erlaubten, wiederzugeben".
Manches hat in der Eile des ersten Eindruckes gepackt
werden müssen, aber durchweg ist alles „an Ort und Stelle
gesehen" und gemalt. Vieles, was da aufgenommen wurde,
gewinnt erhöhte Bedeutung, wenn man sich der Vergänglich-
keit alles Irdischen erinnert, die vielleicht bald, im Verein
mit der fortschreitenden „Kultur", auch die letzte Spur des-
selben vernichten kann. So folgt man gern dem Maler auf
seiner Fahrt, an der Hand seines „Reisetagebuches", durch
das Wunderland Indien mitseinenmärchenhaftenBauten,durch
das Rote Meer nach Ägypten, Kairo, den Nil aufwärts bis
nach El Fajum und Assuan, dann „herum" nach Algier und
Tunis am alten Karthago vorbei, nach Konstantine, vom Mittel-
meer bis zum Indischen Ocean, von der Wüste bis zu den
schneegekrönten Gipfeln des Himalaya. Die Mehrzahl dieser
Blätter ist in Wasserfarben gemalt, deren leichter Auftrag
und Transparenz, noch feiner als in der Öltechnik, Be-
leuchtungseffekte wiederzugeben ermöglicht, wie sie die klare
Luft und Luftperspektive so märchenhaft in Indien und be-
sonders im Lande der Pharaonen hervorbringt. Hoffmann
beabsichtigt alle Früchte der interessanten Reise, die nur
teilweise ausgestellt werden konnten, in aufeinander folgenden
Ausstellungsserien zur Ansicht zu bringen. — Bei dem Hof-
kunsthändler H. L. Neumann ist allerlei Neues zu sehen,
u. a. sehr vorteilhaft Koppay mit zwei Pastellporträts und
einem eben fertiggestellten Ölbild der jungen Kaiserin
Alexandra von Russland. Dieselben sind nach Studien aus-
geführt, welche noch aas der Brautzeit der hohen Frau vor
zwei Jahren in Darmstadt aufgenommen wurden und ver-
raten künstlerische Qualitäten, eine vornehme Behandlung
und Delikatesse, wie sie nicht oft in so glücklicher Ver-
bindung erreicht werden. Das Individuelle wie das „Stoff-
liche" (wozu hier die technische Gewandtheit reiche Gelegen-
heit zur Entfaltung hatte), verrät die sichere Hand, und
beides hebt sich zeichnerisch wie koloristisch zu geschmack-
vollster, teilweise blendender Wirkung gegeneinander ab.
Der Fleischton, die tadellos dekollettirte Büste, das Diadem
und das Pelzwerk geben hiervon Zeugnis. Die eine Auf-
nahme ist fast ganz en face (in Öl), die Pastelle sind mehr seit-
lich gesehen, eines davon ganz Profil mit halb Rückenansicht,
welches letztere in der Linie am kühnsten und markirtesten
ist. Von einem echt deutschen Künstler, dem man gerne
häufiger begegnen möchte, Robert Haue/, ist ein feines
kleines Ölbild (österreichische Husaren auf Vorposten) dem
„Feinschmecker" zugänglich. Landschaften von Wenglein,
Achenbach und ein dekorativ sehr talent- und wirkungs-
volles Blumenstück von Fischer - Elpons, dann ein Len-
bach aus „älterer" Zeit, in Florenz gemalt, mit den Ein-
flüssen des Quatrocento, nur ins 19. Jahrhundert übersetzt;

ein interessantes Bild mit der strengen Formensprache (das
kaum reife Mädchenanlitz von herabhängenden rötlichen
Haarwellen eingerahmt), wie er es heute nicht mehr malt;
nur das Auge ist unverkennbar. Der neu vollendete Gabriel
Max kann zu seinen besten gerechnet werden; ein Mädchen-
kopf mit den typischen „wundgeküssten" Lippen und feinem
Stumpfnäschen, aber sehr edel im Ausdruck, fast Profil-
ansicht, eine Vereinigung von idealer Schwermut und realer
Körperlichkeit, in die sich hier nichts Weichliches mischt
(der kräftige Hals hat eher etwas Derbes); in der Behandlung
fabelhaft einfach, satt und gedämpft in der Farbe. Das
feinmodellirte Ohr ist ein malerisches Meisterstück. Es giebt
berühmtere Bilder von Max, die nicht mehr „Qualitäten" ent-
halten als dieses. Oscar Hex hat in zwei Bildern Napoleon
(„den man den Großen nennt") zum Gegenstand gewählt, von
denen nur das eine („Dernier Salut") momentan ausgestellt
ist. Das zweite („Encore un espoir"), welches in geistvoller
Weise den Gefangenen auf Elba darstellt, wie er nachdenk-
lich in eine hochaufschäumende Welle blickt, die vom Stein-
damm abprallt, befindet sich zwecks einer Ausbesserung
augenblicklich wieder in des Künstlers Händen. Der „letzte
Grass" stellt den alleinstehenden Imperator, dessen Armee
auf den russischen Schneefeldern zu Grunde gegangen, an
den Gräbern der Gefallenen sinnend dar. Technik, Farbe
und Inhalt sind gleich gut, interessant die scheinbar in einem
Ton hingestrichene Schneeluft, die doch nicht leer wirkt,
und der Sonnenglanz auf den weißen Feldern, die sich zum
flachen, (ziemlich hochgehaltenen) Horizont hinziehen. Eine
koloristisch interessante Vorstudie zu der Kreuzabnahme von
Uhde kontrastirt seltsam mit dem wie auf Porzellan ge-
malten Frauenporträt eines früheren Lenbachschülers Antal
Bertxik. Die Ausführung ist unglaublich minutiös, doch
wirkt das Stoffliche durch diese Technik natürlich noch reiz-
voller, als das Gesicht, weil es etwas zu unpersönlich ge-
halten erscheint. Dass der jüngere Holbein dem Künstler
viel zu schaffen giebt, soll hier nicht im Sinne einer
Entwertung des Bildes als Kunstwerk aufgefasst werden.
Nur möchte man nach diesem ernsten Studium und dem
Genuss am Detail auf die weitere Entwicklungsstufe des
Künstlers (nach der persönlichen Seite hin) gespannt sein.
— Bei Artaria & Co. ist ein neues Pastellbild von Clemens
von Pausinger ausgestellt, betitelt „Wiener Walzer", zu dem
eine den Wienern bekannte Persönlichkeit aus der Balett-
welt des kais. Operntheaters Modell gestanden hat. Flotte
Bewegung im Walzerschritt und das zierlich gehobene
Oberkleid der Tänzerin geben der auch technisch und kolo-
ristisch sehr geschickten Arbeit einen pikanten Reiz. Im
Format ist es ein Gegenstück zu der „Madame sans gene"
vom vorjährigen Weihnachtsmarkt. Das Bild erscheint gleich-
zeitig in farbiger Reproduktion.

Düsseldorf. — Aus der Düsseldorfer Akademie ist neuer-
dings ein Schüler hervorgegangen, der eine Individualität
ist: Adolf Heller, ein Porträtmaler. Wenn man seine Bilder
betrachtet, so fällt einem gleich ein fein entwickelter, im
Erfassen des Milieu's und in der Zusammenstellung von
Farben sicher funktionirender Geschmack auf. Doch man
fühlt auch, dass es nicht jener Geschmack ist, mit dessen
Gold ein tief empfindendes Künstlertalent alles umgiebt,
es ist der Geschmack, den traditioneller Wohlstand erzieht
und überliefert. Dieser Geschmack und die Stimmung der
novellistischen Porträtauffassung einer Figur in ihrem Milieu
lässt uns etwas fühlen, über das man sich nicht sogleich klar
zu werden vermag. Man denkt anlässlich dieser modernen
Technik an Frankreich, weiß aber sogleich, dass die
Bilder mit Frankreich nichts zu thun haben; man versucht
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