Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Vermischtes.

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Bilder sind es, die diese Ausstellung so interessant und
beachtenswert machen, sondern die sechs großen in Kohle
ausgeführten Kartons, sowie die vielen zum größten Teil
farbigen Studien nach dem lebenden Modell und die ersten,
aus dem Jahre 1889 stammenden Entwürfe zu dem Cyklus.
Namentlich die letzteren, zwei leuchtende Aquarelle von
mäßiger Größe, erwecken das Interesse nicht bloß der Kenner.
Einmal geben sie einen Begriff von der farbigen Wirkung
der Fresken, dann zeigen sie, welche Wandlungen der
Künstler und sein Werk hat durchmachen müssen bis zur
endgültigen Ausfühiung. So waren einige der Bilder schon
früh, schon im ersten Entwurf, derartig vollendet und in
sich abgeschlossen, dass später nur noch wenige Änderungen
in Einzelheiten nötig wurden; dies gilt besonders von den
drei die antike Welt darstellenden Bildern. Dagegen zeigen
die drei Bilder, die die christliche Welt schildern, in ihrer
jetzigen Gestalt ganz bedeutende Abweichungen vom ur-
sprünglichen Entwürfe, nicht nur in der Komposition, son-
dern auch im ganzen Gedankenkreise. Jetzt spricht aus ihnen
die größte künstlerische Reife, jener ersten Gestaltung des
Gedankens gegenüber. — Der Dank für die Ausstellung
dieser Werke gebührt in erster Linie dem kunstsinnigen
Apotheker Rob. Bohlmann, einem langjährigen Freunde
Prell's; von ihm ging der Plan aus, er ließ es sich auch an-
gelegen sein, die Kartons und Skizzen herbeizuschaffen. Die
Direktion des Herzogl. Museums aber war sofort bereit, den
schönen Gedanken zur That werden zu lassen und den
nötigen Raum zur Verfügung zu stellen. Der gute Besuch
der Ausstellung und der Beifall, den sie findet, sprechen
dafür, dass in dem so abseits vom großen Kunststrome ge-
legenen Braunschweig doch genug Sinn für moderne Kunst-
bestrebungen vorhanden ist. Er müsste nur öfter geweckt
werden. Das ist nun auch so ein frommer Wunsch. Doch
da steigt gleich noch ein anderer in mir auf: ich sehe plötzlich
die öden kahlen Wandflächen im Treppenhause des Herzogl.
Museums vor mir, auch eines Museums der bildenden Künste,
wie das in Breslau, für das Hermann Prell seine schönen
Fresken gemalt hat. Dass die Kunst hier zu Hause ist —
ob wohl ein Fremder, der sich von ungefähr in das Gebäude
verirrt hätte und nun die Treppe emporstiege, das ohne
weiteres erraten würde? Ich kann mir jetzt gar nicht denken,
es gäbe sonst noch ein Treppenhaus in einem neuen Museum,
das einen so trostlos nüchternen Eindruck machte wie dieses.
Wenn nun einem Künstler — es braucht ja nicht gleich ein
Hermann Prell zu sein — gesagt würde: hier hast du ein paar
Wandflächen, mache, dass sie uns nicht mehr gleich beim
Eintritt so langweilig angähnen, sondern dass sie uns an-
lachen, in Stimmung versetzen, freundlich einladen zum Ge-
wiss des Schönen, das ja hier in so reichem Maße vorhanden
ist? Doch nein, das ist wirklich ein frommer Wunsch wie
nur irgend einer, und die haben ja meist das Schicksal, nie
oder spät in Erfüllung zu gehen. Jedenfalls erleben wir's
nicht. Ja, wenn das Museum eine Bibliothek und wenn
Braunschweig Wolfenbüttel wäre! Da wär's freilich anders.

E. F.

VERMISCHTES.

*t* Uber die Entdeckung eines Bildwerkes von Michel-
angelo hat der zweite Direktor des niederländischen Museums
in Amsterdam, Herr A. Pit, in der „Kroniek", einem Amster-
damer Wochenblatt, eine Mitteilung veröffentlicht, die wir
nach einem Bericht der „Köln. Ztg." hier registriren, in der
Absicht, die Michelangelo - Forscher darauf aufmerksam zu
machen. Herr Pit schreibt: „Kurz nach meiner Ernennung

fiel mir in einem eine Sammlung von Bronzefiguren aus dem
Mittelalter und der Renaissance enthaltenden Glasschrank
eine 19 cm hohe nackte männliche Figur auf; die geniale
Modellirung der Muskelbündel, die forsche und harmonische
Haltung wie auch die schöne Bronzefarbe ließen mich keinen
Augenblick daran zweifeln, dass ich hier eine „ä cire perdue"
aus den besten Zeiten der italienischen Renaissance gegossene
Bronze vor mir hatte. Im Katalog des Museums wird sie
als „ein Bild eines nackten tanzenden Mannes" bezeichnet.
Die Haltung der ganzen Figur deutet aber keineswegs auf
einen tanzenden, sondern auf einen nach einer gewaltigen
Kraftanstrengung ausruhenden Mann; denn der aufgehobene
rechte Fuß, den der oberflächliche Beobachter für eine Tanz-
bewegung angesehen hat, ist vielmehr dazu bestimmt, auf
einem erhabenen Gegenstande zu ruhen; der linke Arm mit
der leicht nach rückwärts gebogenen Hand ist ebenfalls in
Ruhe, nur der rechte Arm, bei dem leider die Hälfte des
Oberarms mit der Hand fehlt, ist in Thätigkeit. Nach ver-
schiedenen Figuren aus der Frührenaissance zu schließen,
kann hier eine triumphirende Davidsfigur vorliegen, welche
den rechten Fuß auf das abgeschlagene Haupt Goliath's
setzt, während die linke Hand die Schleuder und die rechte
das Schwert hält. Zuerst dachte ich an Donatello als den
Schöpfer dieser Figur, denn bekanntlich hat dieser ver-
schiedene Davidsfiguren geschaffen, aber doch zeigt keines
seiner Werke bei näherer Betrachtung die ruhige männliche
Kraft und den forschen Muskelbau der vorliegenden Figur.
Von dem großen Vorläufer bis zum genialen Meister war
es hier nur ein Schritt. Und in der That, bei Michelangelo
findet man nicht nur dieselbe großartige, manchmal selbst
übertriebene skulpturelle Anlage der Formen, sondern häufig
auch die Neigung, seinen stehenden Figuren die Haltung mit
einem etwas erhobenen Beine zu geben, wie es bei der vor-
liegenden Figur der Fall ist. In meiner Meinung wurde ich
durch das Faksimile einer Federzeichnung Michelangelo's,
welche in „l'Oeuvre et la Vie de Michelange" (zum
400jährigen Jubiläum des Meisters 1876 veröffentlicht) er-
schien, mir bestärkt, denn diese Skizze stellt David nach der
Erlegung Goliath's vor und hat mit unserer Figur außer-
ordentlich viel Übereinstimmung, nur dass die Haltung der
Arme eine etwas andere ist. Einige Zeit später wurde ich
durch Jonkheer Six, Professor an der königlichen Akademie
der bildenden Künste in Amsterdam, auf das Werk „The
life of Michelangelo Buonarroti" von John Addington Symonds
aufmerksam gemacht, in welchem das Faksimile des voll-
ständigen Studienblattes (es befindet sich im Louvre und
stammt aus der Sammlung des holländischen Königs Willem II.)
vorkommt, wo sich nicht allein die mir bekannte Skizze,
sondern auch eine sehr ausführliche Zeichnung eines nieder-
hängenden ruhenden Armes befindet. Der hier gezeichnete
Arm ist zwar ein rechter, aber er hat doch eine so treffende
Ähnlichkeit mit dem linken unseres David, der auf Papier
gezeichnete und der in Bronze modellirte sind so voll-
kommen dieselben, die Haltung der Hand und der Finger
stimmt so vollkommen überein, dass ich keinen Augenblick
mehr daran zweifeln konnte, dass die Zeichnungen die ersten
Studien für unsern David aus Bronze sind, welch letzterer
wieder das Modell für den großen Bronze-David gewesen
ist, der 1508 von der Stadt Florenz dem Finanzminister und
Günstling Ludwig's XII., Florimont Robertet, zum Geschenk
gemacht worden ist. Dieser David kam dann in das Schloss
Robertet's bei Blois, von wo er im Laufe der Zeit ver-
schwunden ist. Doch besteht noch eine Abbildung davon
und zwar in dem 1579 erschienenen Werke „Batiments de
France", und da hier die Haltung der Arme ganz dieselbe
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