Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Die Quellen der Biographie des Antonello da Messina.

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seines Lebens immerdar viel Liebe und Freundlich-
keit etc. etc. — Antonello arbeitete nach Vollendung
des Gemäldes von S. Cassiano viele Bilder für die Edel-
leute Venedigs; ein anderes Bild von ihm, worin St.
Franciscus und St. Dominicus dargestellt sind, besitzt der
Florentiner Herr Bernardo Vecchietti und endlich noch
erhielt dieser Künstler Auftrag, im Palaste der Signoria
einige Bilder zu malen, welche man dem Veroneser
Francesco di Monsignore nicht übertragen wollte, obgleich
der Herzog von Mantua ihn sehr begünstigte.

Antonello ward aber krank in seinem 49. Jahre an
Seitenstechen, ohne nur Hand an jenes Werk gelegt zu
haben. Die Meister seines Berufes, dankbar für das Ge-
schenk, welches er der Kunst durch tjberbringung der
neuen Methode verliehen hatte, ehrten ihn durch ein
feierliches Begräbnis, wie die Grabschrift beweist, welche
ihm gesetzt wurde" (s. oben).

Es ist klar, dass Vasari von Antonello ähnliches
erzählt, wie Summonzio von seinem Colantonio zu sagen
wusste, dass aber weder er noch die Quelle, aus welcher
Vasari schöpfte, den Bericht des Summonzio kannten.
Er weiß kein Wort von dem Colantonio, den zu über- I
gehen weder er noch weniger Vasari's Berichterstatter
Ursache hatten. Vasari lässt aber Antonello thatsächlich
nach den Niederlanden gehen und bei Jan van Eyck
lernen; dieser starb 1441, kann somit unmöglich der
Lehrer des Antonello gewesen sein, dessen Tod im
49. Jahre wir aus anderen Gründen um 1498 annehmen
müssen.

Dieser Widerspruch hat der Kunstgeschichte viel
Sorge bereitet, obwohl es bekannt ist, dass dem Vasari,
wie seinen späteren italienischen Nachfolgern samt und
sonders, jeder niederländische Maler des 15. Jahrh. Gio-
vanni van Eyck und jeder des 16. Jahrh. Alberto Durero [
oder Luca van Leyden hieß. Ernst zu nehmen ist nur
die Thatsache der Reise Antonello's nach den Nieder-
landen, die, vorausgesetzt, dass Vasari seine Nach-
richten über ihn von einem Sizilianer erhielt, wie Ler-
molieff behauptet, umso weniger erfunden sein kann, da
sie der Sizilianer zum höheren Nachruhme seines Landes-
genossen und höherer Ehre seines engeren Vaterlandes
gewiss eher verschwiegen als erfunden und wie Summonzio
einen anderen Sizilianer Colantonio als Lehrer Antonello's
vorgeführt hätte. Es ist daher unhaltbar, wenn Lermo-
lieff1) sagt:

„Zu den Ansichten, welche im Laufe der Jahre den
Charakter des Dogmas angenommen haben, mit dessen
logischer Analyse man sich nicht weiter mehr befasst,
gehört in erster Linie die Überzeugung, dass Antonello
nach Flandern gewandert und dort bei Johann von Eyck
(einige neuere Schriftsteller substituiren dem 1441 ver-
storbenen van Eyck den Eoger van der Weyden oder
auch den Hans Memlinck) die Ölmalerei erlernt habe.

Irre ich nicht gröblich, so dürfte diese Fabel der lebhaften
und eitlen Phantasie irgend eines Sizilianers ihren Ur-
sprung verdanken."

Lermolieff irrt hier allerdings. Wenn man gerade
diese Ansicht einer logischen Analyse unterzieht, so ver-
liert sie den Charakter der Fabel und wird um so wahr-
scheinlicher, da Antonello's Werke sie nur bestätigen.
Lermolieff will uns zwar beweisen, dass Antonello nicht
nötig hatte nach Flandern zu gehen, sondern bei fland-
rischen, in Italien reisenden Künstlern selbst Gelegen-
heit genug hatte, die flandrische Malweise zu lernen.

Sollte es dem gelehrten Forscher unbekannt ge-
blieben sein, dass noch im Jahre 1469 Johannes de
Justo, der Sohn des Vicekastellans von Torre di S.
Vicenzo, im Auftrage und auf Kosten des Königs Fer-
dinand von Neapel nach Brügge gesandt wurde, um dort
die Malerei zu erlernen?1) Das würde gewiss nicht
nötig gewesen sein, wenn Lermolieffs Vermutung ihre
Richtigkeit hätte.

Man hat für die flandrische Reise des Antonello
auch Urkunden beizubringen versucht, und 1824 pro-
duzirte De Bast ein Manuskript, welches die Beweise
dafür enthalten sollte; aber die belgischen Kritiker haben
die Hinfälligkeit dieses Machwerkes dargethan. Es konnte
sich auch in der That nicht mehr darum handeln, Anto-
nello's Anwesenheit in dem Atelier des Jan van Eyck
zu belegen, nachdem inzwischen die angeblich 1445
datirten Bilder seiner Hand als in den Jahreszahlen
entstellt nachgewiesen waren. Antonello kann in der
That seine Kunst auch bei Memling, Gerard David,
Rogier van der Weyden oder irgend einem oder mehreren
anderen Malern jener Zeit gelernt haben, mit welchen
seine Arbeiten nicht selten viel größere Verwandtschaft
aufweisen, als mit jenen van Eyck's, aber unmöglich
kann er seine Technik, die durchgebildete niederländische
Art der Anschauung, einem wandernden Künstler abge-
sehen oder ohne nachhaltige praktische Studien unter
Leitung eines niederländischen Meisters in sich selbst
gefunden haben.

Das Resultat, zu welchem er gelangte, ist ein dem
Arbeitsresultate der gesamten vlämischen Schule zu sehr
verwandtes und zu ähnliches. Antonello hätte für sich
allein in Italien die ganze Stufenleiter technischer Er-
fahrungen durcharbeiten müssen, welche in den Nieder-
landen Hunderte und Hunderte niederländischer Maler
insgesamt durchgemacht hatten, um die technische Fertig-
keit auf jene Höhe zu bringen, auf welcher sie uns eben
in den van Eyck's, in Memling und auch in Antonello da
Messina erscheint. Die Annahme Lermolieffs ist in
jeder Beziehung unhaltbar.

Aber prüfen wir die Sachlage weiter. Die litte-
rarischen Quellen nach Vasari sind vollständig wertlos,
da sie sämtlich auf seinem Berichte beruhen und des

1) Die Galerieen zu München und Dresden. 1891. p. 239.

1) Aren. stor. per le prov. Napolit, 1884. p. 223, 226.
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