Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

Seite: 345
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Bücherschau.

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nicht gleich die Fähigkeiten eines Landschafters (beim
Figurenmaler ist es eine andere Sache) beurteilen, da
ein Motiv in zwei Farben, in dem pikanten Schwarz-
Weiß der Atzkunst, leicht eine Stimmung erzeugt, die
der Künstler als Ölmaler gar nicht hervorzubringen fähig.
Als Eadirungen aber sind die Karlsruher Blätter vor-
zügliche Leistungen. Die Karlsruher lieben es, dieselben
auf einen stahlgrünen Ton zu stimmen, was äußerst
reizvoll ist. Und das ist auch so charakteristisch für
die Karlsruher: es giebt unter ihnen nichts Schlechteres
und nichts Besseres, alle leisten dasselbe, und die Blätter
könnten alle von demselben sein. Schönleber, Volk-
mann, Braun, Hoch seien für viele gleich gute genannt.

Berlin ist verhältnismäßig gering vertreten. Und
vor allem enttäuscht Liebermann mit seinen 39 kleinen
Blättern. Er ist gewiss ein großer Künstler, doch
hauptsächlich wohl als Bahnbrecher für seine Zeit, diese
Radirungen hätten ihm schwerlich die Unsterblichkeit
gesichert, ebensowenig wie heute ein junger Künstler
mit Liebermann's Können je dessen Kuhm erringen
würde. „Badende Knaben", „ein Biergarten" seien aus
den Blättern hervorgehoben. Dagegen wirkt Köpping
vorzüglich. Seine „Mänade" und das Blatt „Erinne-
rungen" sind technische Meisterleistungen; letzteres noch
dazu an Empfindungstiefe. Köpping ist ein echter
Berliner, aber von vornehmer Empfindung und Ge-
staltungskraft.

Ausgezeichnet sind sodann die Worpsweder ver-
treten; Hans am Ende und Overbeck mit machtvollen
Landschaften und Vogeler wieder als der bekannte in-
time Ideenkünstler, der den Sinn des Märchens, der
Liebe und des Lenzes wie wenige erfasst. Es singt
und jubilirt in diesen zarten Blättern wie in den Versen
Walters von der Vogel weide.

Von Düsseldorfern fallen vor allem die Landschafts-
blätter der Jernberg, Liesegang und Wendling auf, die
die scharfe Konkurrenz hier standhaft ertragen. —
Weimar, Dresden, Hamburg, WTien, Stuttgart sind auch
mit durchgängig guten Sachen vertreten. Der Aus-
stellung sind sodann die bekannten Maldrucke Her-
komer's angereiht, die des pikanten Reizes der Radirung
entschieden entbehren, indem sie mehr Reproduktionen
denn künstlerischen Selbstschöpfungen gleichen.

RUDOLF KLEIN.

BÜCHERSCHAU.

Bilder zur Mythologie der Griechen und Römer.

Unter Mitwirkung der k. k. Lehr- und Versuchsanstalt für
Photographie und Reproduktionsverfahren in Wien heraus-
gegeben von Feodor Hoppe. Vollständig in 30 Tafeln
(Lichtdruck). Verlag von Karl Graeser in Wien, 1896.
Fünf Lieferungen a M. 2.—; komplett in Mappe M. 11. — .
Das vorliegende Werk sucht ein seit Jahren gehegtes
Verlangen unserer Mittelschulen zu stillen; es ist die Verwirk-
lichung eines von vielen Plänen und Projekten, die in gleicher

Richtung gemacht wurden, und wir glauben, es hat auch alle
Aussicht, infolge vieler Vorzüge das zu erreichen, was es
anstrebt und sein will: ein billiges Lehrmittel, jeder Lehr-
anstalt leicht zugänglich und dabei eine gewissenhafte, ge-
schmackvoll-schöne Leistung. Ein für den speciellen Schul-
zweck richtiger Standpunkt ist grundsätzlich festgehalten:
es wurden Photographieen nicht nach den Originalen, son-
dern nach guten Gipsabgüssen gewählt, um dem in Bezug
auf sein Kunstverständnis noch stark in den Kinderschuhen
steckenden Schüler eine von allen Zufälligkeiten, Flecken
und Fehlern, den Eigentümlichkeiten des jeweiligen Materials
freie Darstellung eines Objektes zu geben. Denn damit, dass
der Schüler die reinen, ungetrübten Formen sieht, wird er
zum richtigen Verständnisse besser geführt, als wenn ihm,
dem Anfänger, Photographieen nach dem Originale geboten
werden, auf denen nur zu oft das Zufällige zum überwiegend
Bedeutenden wird, das den Lernenden verwirrt und verlegen
macht. Lernt letzterer so nur die reine Form kennen —
womit wir nicht sagen wollen, dass der Gipsabguss auch für
einen anderen als den oben besprochenen Schulzweck unser
Ideal ist — lernt er nur die reine Form kennen, an der ihm
der naturalistische oder stilistische Formalismus leicht ver-
ständlich wird, so scheint es uns kein in die Wagschalc
fallender Mangel, wenn bei diesem ersten Unterrichtsschritte
der gegenwärtige Zustand des Originals und der Charakter
des Materials nicht sichtbar wird. Kennt der Schüler die
Formen genau durch oftmaliges Betrachten oder noch
besser durch einmaliges Nachzeichnen, was mehr wert ist,
so wird ihn beim späteren Studium von Aufnahmen nach
dem Originale oder des letzteren selbst nichts Ungefähres und
Zufälliges, zum Kunstwerke Ungehöriges mehr in Verwirrung
bringen. Daher sind diese Bilder für den ersten Unterricht,
zum Bekanntmachen mit einer Auswahl der schönsten archäo-
logischen, respektive kunstgeschichtlichen Reliquien der
Antike allen Mittelschulen im weitesten Sinne zu empfehlen.
Durch diese Tafeln wird eine vorzügliche Basis für das exakte
Studium an der Hochschule geboten. — Das erweiterungs-
fähige Werk wird in fünf Lieferungen, jede zu sechs Blättern,
abgeschlossen. Die Lichtdrucke sind aus dem Atelier der
durch ihre makellosen Leistungen längst weitbekannten
Wiener Firma J. Löwy hervorgegangen. Wo es notwendig
"war, wurden die Aufnahmen, um dem eingangs besprochenen
Endzwecke des Unternehmens möglichst nahe zu kommen,
i» der photographischen Versuchsanstalt in Wien einer
energischen künstlerischen Retouche unterzogen. Die Aus-
wahl der ersten Lieferung führt die Publikation sehr vor-
teilhaft ein; der Augustus von Primaporta, dieses instruktivste
aller Cäsarenbilder, ist das erste Blatt; der Homer von
Sanssouci, einer der interessantesten Köpfe des blinden
Sängers, zeigt eine Zartheit der Modellirung in allen Partieen
von Licht und Schatten, die höchst lebendig wirkt. Dasselbe
gilt von dem geschmackvollen Drucke des Zeus von Otricoli,
dessen hoheitsvolle Schönheit durch dieses Bild dem Schüler
dauernd als klassischer Ausdruck der größten religiösen Idee
eingeprägt wird. Auch die Züge des Perikles (nach der
Marmorbüste im Britischen Museum) wirken durch die kon-
trastreiche Verteilung von Licht und Schatten in dieser
Aufnahme außerordentlich eindrucksfähig. — Das Relief
Hermes, Eurydike und Orpheus aus Villa Albani giebt neben
der Schönheit der Darstellung und dem unvergleichlichen
Rhythmus in den Linien ein gutes Beispiel für die Anordnung
und Technik der antiken Reliefplastik. — Etwas mehr Licht
wäre nur in den oberen Teilen der Laokoongruppe wünschens-
wert gewesen, was wohl auf die wahrscheinlich nicht zu
verändernde Placirung des Monumentabgusses während der
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