Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Das Appartainento Borgia im Vatikan.

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DAS APP ART AMEN TO BORGIA
IM VATIKAN.

VON ERNST STEINMANN.

„Heute begann der Papst die oberen Gemächer des
Palastes zu bewohnen, weil er nicht zu jeder Stunde,
wie er sich ausdrückte, jenes Bildnis Alexanders vor
Augen haben wollte, seines Vorgängers undFeindes abscheu-
lichen und verbrecherischen Angedenkens." So liest man
unter dem 22. November des Jahres 1507 im Ceremonien-
buch des Paris de Grassis, dessen inpportunen Vor-
schlag, Bildnisse und Wappen der Borgia einfach zu
zerstören, Julius II. als echter Mäcen, aber auch der
Eücksichten eingedenk, welche er einem Träger der
Tiara selbst in der Person Alexanders VI. schuldig war,
mit den Worten ablehnte, dass sich dies nicht zieme.

Erst im Jahre 1494 war die glänzende Eeihe von
sechs ineinander gehenden Prunkgemächern im ersten
Stock des alten, vielfach umgebauton Palastes Nikolaus V.
fertig geworden, den noch Alexander VI. durch den An-
bau der festgefügten Torre Borgia vergrößerte, deren
festungsartiger Charakter aber schon im Jahre 1523
unter Hadrian VI. durch den Brand von Bekrönung und
Kuppel verloren ging.

Im Erdgeschoss hatte einst Sixtus IV. der vatika-
nischen Bibliothek eine würdige Stätte bereitet, nachdem
Melozzo da Forli und Domenico Ghirlandajo die Wände
und Gewölbe mit Fresken geschmückt hatten, und der
Nette des ersten Kovere-Papstes vollendete das Werk
der Nachfolger Petri in diesem ehrwürdigsten Teil ihres
Palastes, indem er, um der Erinnerung an seinen ver-
hassten Vorgänger zu entfliehen, durch Raffael die welt-
berühmten Stanzen malen ließ.

Seitdem hat kein Papst mehr die Borgia-Gemächer
bewohnt; nur noch gelegentlich kehrte Julius II. hierher
zurück, um nach altem Brauch in der sala Pontificum
die wächsernen Agnus Dei zu weihen, — Clemens VII.
hielt hier die öffentlichen Konsistorien ab, und als
Michelangelo das jüngste Gericht in der Sistina malte,
diente derselbe Saal für Paul III. und seinen Hof als
Hauskapelle.

Auch noch in späteren Jahren belebten sich hin
und wieder die verlassenen Gemächer mit einem Abglanz
der unsäglichen Pracht, an welcher sich Alexander VI.
hier gefreut hatte. Fürstlichen Gästen wurden diese
Räume mehr als einmal aufgethan. Zwar kehrte Cesare
Borgia als Gefangener in den Palast zurück, in dem er
einst als unumschränkter Herr gewaltet hatte, und die
Lage des Gemahles der Lucrezia, Alfonso d'Este's, war
nicht viel glänzender, als er im Juni 1512 hier weilte.
Aber Karl V. entfaltete im April 1536 im Appartainento
Borgia den ganzen Aufwand kaiserlicher Pracht, dessen
Wandmalereien allerdings damals schon mit den Spuren
des fürchterlichen sacco di Roma gezeichnet waren.

Im aufregenden Konklave von 1559, in dem die

Sixtinisehe Kapelle fast ein Raub der Flammen geworden
wäre, wurden die Gemächer Alexanders VI. zum ersten
Mal in den Bereich der Kardinals Wohnungen gezogen;
und als wenige Jahre später am 5. März 1565 Pius V.
im weiten stillen Hof des Belvedere, den heute Gregors XIII.
mächtige Fontäne ziert, ein überaus prächtiges Turnier
veranstaltete, füllten sich noch einmal Fenster und Balkone
des alten Palastes mit einer glänzenden schaulustigen
Menge, und der Papst selber schaute dem fröhlichen
Treiben von einem Fenster der Torre Borgia aus zu.

Mit Sixtus V. wandte sich die Sorge der Päpste auf
den neuen Palast von San Damaso, und es wurde immer
stiller in den goldschimmernden Gemächern, auf welche
sich mehr und mehr ihres Erbauers unseliges Andenken
wie ein Bannfluch herniedersenkte. Wo einst die Herren
gehaust hatten, trieben jetzt die Knechte ihr Wesen;
für die Dienerschaft der Päpste und Kardinäle öffnete
sich die geräumige Zimmerreihe während des Konklaves
und der Feier der stillen Woche in der Sixtinischen
Kapelle. So konnte der Verfall nicht ausbleiben, und
wie es noch vor wenigen Jahren im Appartamento
Borgia aussah, das vorübergehend auch als Antiken-
Museum und endlich als Pumpelkammer-Bibliothek ge-
dient hatte, vermag sich heute keine Phantasie mehr vor-
zustellen. Und doch muss man die Räume in diesem
Zustande völliger Verwahrlosung gesehen haben, um die
nach langjähriger mühevoller Arbeit endlich vollendete
Restauration in ihrem vollen Umfange würdigen zu können.

Leo XIII. war bald 80 Jahre alt, als er im Jahre
1889 seinen Haus-Architekten, den Grafen Vespignani
und den Direktor der päpstlichen Gemäldesammlungen
Professor Seitz mit der Wiederherstellung des Appar-
tamento Borgia betraute. Er durfte also kaum hoffen,
das Unternehmen selbst noch zu einem guten Ziel ge-
führt zu sehen. Aber das Schicksal hat ihm auch diese
Freude noch beschieden, und als ihn an seinem Krönungs-
tage am 3. März d. J. das Kardinalskollegium zum
87. Geburtstage beglückwünschte, verkündete er in der
Thronrede seiner Umgebung feierlich die Vollendung der
Gemächer Alexanders VI. Wenige Tage später begab
er sich selbst hinüber mit den Kardinälen und Gesandten,
das neue Museo Borgiano zu eröffnen, und das reichliche
Lob, welches er damals den wackeren Künstlern spendete,
hat im Publikum lautesten Wiederhall gefunden. Vor
allem aber ist die Thätigkeit des Professor Seitz
und seine selbstlose Hingabe an die verantwortungs-
volle Aufgabe zu preisen. Von den Gewölben und Hoch-
wänden leuchten noch immer Pinturicchio's Gemälde in
reinster Schönheit auf uns hernieder; nichts wurde hier
oben verändert und restaurirt, nur Staub und Schmutz
wurde entfernt, die Farben und Stuckverzierungen neu
gefestigt. Die Dekoration der unteren Wände aber,
deren Teppichmuster-Malereien fast völlig zu Grunde
gegangen waren, wurde in der Weise durchgeführt, dass
man die wieder aufgefundenen Arabesken und Granat-
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