Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Das Appartamento Borgia im Vatikan

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Lästerzunge der römischen Bürger hat auch die Malereien
in den Privatgemächern Alexanders VI. nicht verschont.
Das anmutsvolle Madonnenbild Pinturicchio's im nächsten
Saal und die Himmelfahrt Christi mythisch vermengend,
behauptete man. der Borgia-Papst knie vor der gen
Himmel fahrenden Jungfrau, welche die reizenden Züge
seiner Geliebten, der Giulia Farnese trüge. So schamlos
mochte selbst ein Alexander VI. nicht seine geheimsten
Neigungen der Mit- und Nachwelt preisgeben, aber Vasari
schon überlieferte das Gerücht als reinste Wahrheit, und
nach ihm hat man es bis auf den heutigen Tag unzählige
Male wiederholt.

Außer dein Papstporträt und einem Kardinalsbild-
nis in der Himmelfahrt Marias hat Pinturicchio viel-
leicht nichts selber in diesem Räume ausgemalt, dessen
wunderbar harmonische Dekoration im ganzen er sicher-
lich in ihren Grundzügen entworfen hat. Technisch ist
auf diese Fresken die geringste Sorgfalt verwandt, und
sie haben infolgedessen am ärgsten gelitten. Es
scheint, dass die Zeichnung roh in die angefeuchtete
Mauer eingekratzt wurde, und dass man die Ausmalung,
um schneller vorwärts zu kommen, al secco vornahm.
So blätterten mit der Zeit die Farben einfach ab, die
Restaurationsarbeiten konnten nur mit größter Vorsicht
unternommen werden, denn schon bei leisester Berührung
musste man fürchten, die vielfach geplatzte dünne
Farbenschicht zu schädigen, die, einmal abgefallen, nur
die gelbe Kalkschicht mit der eingeritzten Zeichnung
übrig ließ.

Ein breiter Fruchtkranz, kunstvoll in Marmor ge-
arbeitet, trennt die figürlichen Malereien der Lünetten
vgn den unteren Wänden, deren glänzende Dekoration
durch den Professor Schielin aufs beste wiederherge-
stellt worden ist. Hier waren in die mit goldenen
Arabesken verzierten Wände kunstvoll gemalte Wand-
nischen eingelassen, in denen köstliche Geräte und
Schmucksachen gleichsam zur Schau ausgestellt gewesen
sind. Heute noch sieht man die edelsteingeschmückte
Tiara, die goldenen Schreibgeräte seiner Heiligkeit,
Teller und Trinkgefäße auf den Wandbrettern ausge-
stellt, und als noch nicht der größere Teil der Malereien
zerstört war, mochte man hier an einem lockenden Ab-
bild des ganzen päpstlichen Schatzes sich freuen, den
Alexander noch durch die unermesslichen Reichtümer
vermehrt hatte, welche er schon als Kardinal besaß.
Der private Charakter des Zimmers des Marienlebens
wird endlich noch durch den mächtigen Marmorkamin
erhöht, der heute wieder an ursprünglicher Stelle in
einer Ecke der Fensterwand gegenüber aufgestellt ist;
wie sein Nachfolger Julius, so scheint hier auch Alexander
täglich ein- und ausgegangen zu sein, und von den ge-
heimsten Anschlägen der Borgia könnten uns diese
Wände erzählen.

Ist es Absicht, ist es Notwendigkeit gewesen, dass
in keinem der Gemächer im Palast Nikolaus V., in

I keinem der Räume in der Torre Borgia die Wände
: parallel laufen und die Fußböden auf gleichem Niveau
: liegen? Von der sala Pontificum kommend, schreitet man
in jedes der folgenden Zimmer eine Stufe hinab, zur
Torre Borgia führt aus dem letzten Saal eine kleine
Treppe empor. Alle Gemächer haben die Gestalt eines
I unregelmäßigen Trapezes, die Zimmerecken treffen sich
niemals im rechten Winkel, und so konnte die Ein-
teilung der Gewölbefelder und der Wände nicht ohne
eine gewisse Willkür geschehen. Hat man bewusst
! oder unbewusst die malerischen Wirkungen erreicht
durch das Aufgeben von Gesetzen, die heute kein Bau-
meister mehr außer Acht lässt? Jedenfalls bietet das
Appartamento Borgia auch nach dieser Richtung hin
Stoff des Studiums und Nachdenkens die Fülle, und
der Einfluss, welchen Anlage und Dekoration dieser
Prunkgemächer, die nun endlich der Menschheit zurück-
gegeben werden, auf die moderne Schlossarchitektur aus-
üben wird, ist heute noch nicht abzusehen.

Durch ein schmales Portal, in dessen Tympanon das
Borgia-Wappen prangt, gelangt man in das ,.Zimmer
der Heiligenleben", welches nicht nur durch den Umfang
und die Pracht der Ausstattung, sondern auch durch
den künstlerischen Wert seiner Gemälde alles, was sich
sonst dem Auge in den Gemächern Alexanders bietet,
weit hinter sich zurücklässt. Hier sehen wir zum ersten
Mal Pinturicchio von Angesicht zu Angesicht, hier hat
er wirklich ganze Wandfläclien eigenhändig ausgemalt,
hier das lieblichste der lieblichen Madonnenbilder ge-
staltet, hier das glänzendste Bild entwickelt vom Hof
eines Papstes, dessen innere Verderbnis ebenso groß
war wie die Pracht seiner äußeren Erscheinung. Borgia,
Borgia, das Zauberwort, welches die wankelmütigen
Römer zu Anfang der Regierung Alexanders ebenso be-
geistert hatte wie das inhaltsschwere, preiswürdige
„Rovere" ruft es uns hier von Gewölbe und Wänden
entgegen. Die Legende von Isis und Osiris, welche
ein päpstlicher Hofpoet zur Verherrlichung des Stier-
wappens angerufen hatte, ist ausführlich in den Decken-
malereien erzählt, und alle Wohlthaten, welche Osiris
den Ägyptern erwies, sind nichts weiter als ein Lob-
gesang auf das goldene Zeitalter, welches der neue
Papst der leichtgläubigen Menge verhieß.

Welche Gesichtspunkte maßgebend waren bei der
Auswahl der Heiligenlegenden, ist heute schwer zu sagen,
ja sogar über die Deutung derselben herrschen hier
und dort noch Zweifel. Der Besuch des h. Antonius
beim Paulus Eremita in der Wüste Thebais scheint
ganz von Pinturicchio selber ausgeführt, dessen naive
Darstellungsweise sich hier am zwanglosesten äußert.
In phantastischer Landschaft haben die beiden Grau-
bärte einander gegenüber Platz genommen und teilen
brüderlich das Brot, welches der pflichttreue Rabe eben
gebracht hat. Die süße Einfalt dieses Idylls aber
rüsten sich die schönen Teufelinnen zu stören, welche,
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