Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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August Sträter.

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lieh einer Eeise durch Italien in Florenz besuchte. — |
Die Anfänge der Sammlung Dr. Sträter's reichen
bis in die dreißiger Jahre zurück. Sie umfasst, wie
schon gesagt, vorwiegend die Werke der großen nieder-
ländischen Eadirer des siebzehnten Jahrhunderts, nament-
lich Eembrandt's, von dessen Werk gegen 230 Nummern
vorhanden sind. Vollständig sind die Werke von Ostade,
ßoth und Everdingen, letzteres von ungewöhnlicher Schön-
heit mit breiten Eändern, fast vollzählig Waterloo,
größtenteils in ganz frühen Drucken. Dasselbe gilt von
Euysdael, Potter, Berghem und Le Ducq. Ausgezeichnet
sind auch Bega, Dujardin, Fyt, Hackaert, Nyts, Eoos,
Sachtleven, Swanevelt, Verboom, de Vlieger, Wyck und
Zeemann vertreten; ferner van Dyck, Cornelis Visscher
und die Familie der Wierix. — Aber auch die deutschen,
italienischen und französischen wie die älteren nieder-
ländischen Stecher fanden durch sorgfältig gewählte Bei-
spiele würdige Vertretung. Über die 24 vorzüglichen
Abdrücke Schongauer's, unter denen sich ein Tod Maria
von seltener Schönheit befindet, habe ich schon vor Jahren
im Eepertorium für Kunstwissenschaft (Bd. IX, p. 113)
berichtet. Noch besser ist das Dürer-Werk, und von
Lucas van Leyden, Marcanton, Eibera und Goltzius sind
zahlreiche Hauptblätter vorhanden. Endlich muss auch
das fast vollständige Werk der Landschaften Claude
Lorrain's in ausgezeichneten Drucken, meist des ersten
Zustandes, rühmend erwähnt werden.

Dr. Sträter war eine schlichte, kernige Natur von
einfachen Lebensgewohnheiten und einer fast rührenden
Anspruchslosigkeit. Bis in sein hohes Alter hielt er an
streng geregelter Tageseinteilung fest und predigte gern
seine Grundsätze, denen er eine allerdings schier un-
erschütterliche Gesundheit verdankte. Seine größte
Freude war, gleichgesinnte Kunstfreunde, die der Weg
durch Aachen führte, in den behaglichen Eäunien seines
stillen Hauses in der Aureliusstraße zu sehen und ihnen
in dem kleinen, nach dem Garten gelegenen Arbeits-
stübchen die Schätze seiner Sammlung zu zeigen. Dann
nahm er leuchtenden Auges eine Mappe nach der andern
aus dem feuerfesten Schrank und wusste bei jedem Blatt
zu erzählen, wo er es erworben, was er dafür bezahlt,
und in welcher Sammlung es annähernd so schön wie
bei ihm vorhanden sei. Auch pflegte er gern bei ein-
zelnen seiner Lieblingsblätter kleine Anekdoten zum
besten zu geben oder schelmische Fragen zu stellen, die
er dann mit der stereotypen Wendung: „Das wissen Sie
nicht? — Nun, das will ich Ihnen sagen!" alsbald be-
antwortete. Und an die harmlosen Geschichtchen vom
Kampf in der Luft auf Dürer's Eustachius und seinen
geheimnisvollen Beziehungen zur Darstellung oder vom
„Mosterdpöttje" bei Eembrandt's Landschaft mit der
Brücke glaubte er felsenfest. Wer hätte auch einen
Zweifel zu äußern gewagt, wenn einen der alte Herr
dabei so unschuldig aus seinen blauen Kinderaugen an-
sah? Ich erinnere mich noch mit Vergnügen, wie ich

einmal — es war im Sommer 1889 — mit ihm an
einer der Grachten in Leyden spaziren ging, und er,
plötzlich stehen bleibend, auf die Sonnenflecken unter
den hochstämmigen Ulmen am Wasser zeigte: hier habe
der kleine Eembrandt auf den Steinen gespielt und die
ersten „Helldunkel-Eindrücke" empfangen. Es war, als
ob er dabei gewesen und es mit eigenen Augen gesehen
hätte. Man musste es einfach glauben.

Geradezu erstaunlich war sein Gedächtnis für die
zahllosen Bartsch-Nummern. Mit einer jeden verband
er unwillkürlich die Vorstellung eines bestimmten Blattes
und er bat mich einmal in der Sammlung Friedrich
August II. in Dresden nachzusehen, ob dort „Waterloo
B. 92" immer noch als „B. 103" bezeichnet sei, wie er
es vor zwanzig Jahren gefunden hätte. In diesem
Punkte war ihm nach meiner Erfahrung nur Eduard v.
Liphart ebenbürtig.

Mit Dr. Sträter ist einer der letzten Vertreter,
wenn nicht der Letzte jener Kupferstichsammler großen
Stiles in Deutschland zu Grabe getragen worden, die
ihren Stammbaum direkt auf die vornehmen Kunstfreunde
des vorigen Jahrhunderts zurückführen durften. Oster-
reich besitzt einen ähnlich gearteten Amateur im besten
Sinne des Wortes noch in Adalbert von Lanna. Auch
in England und Frankreich dürfte dieser Typus bald
zur ausgestorbenen Species gehören. Das kommende
Jahrhundert wird, menschlicher Voraussicht nach, das
Jahrhundert der öffentlichen Sammlungen sein, das den
ererbten Besitz an Werken unserer Väter magazinirt
und klassificirt für die kritische Sonde der Wissenschaft
bewahrt, für den Museumsbesucher, für den Eeisenden,
für das Publikum, — Namen, die im vorigen Jahrhundert
so gut wie unbekannt waren. Das ist der demokra-
tische Zug unserer Zeit, und ihm muss geopfert werden,
was wir noch in seinen letzten Ausläufern kennen zu
lernen gewürdigt wurden: das Geschlecht jener Geistes-
aristokraten, in deren stillen Eäumen erlesene Freunde
das Beste und Köstlichste betrachten und genießen
durften, was seit drei Jahrhunderten den Stolz, die
Eifersucht und das Lebensglück seiner jeweiligen Be-
sitzer ausgemacht hatte. Man kann die behagliche Freude
dieser glücklichen Kunstliebhaber nicht besser charakte-
risiren als mit den goldenen Worten, die einer ihrer
vornehmsten Vertreter, Edmond de Ooncourt in seinem
Testament der Nachwelt hinterlassen hat:

„Ma volonte est que mes dessins, mes estampes,
mes bibelots, mes livres, enfln les Choses d'art qui ont
fait le bonheur de ma vie, n'aient pas la froide tombe
d'un musee, et le regard bete du passant indifferent, et
je demande, qu'elles seront toutes eparpillees sous les
coups de marteau du commissaire-priseur et que la
jouissance que m'a procuree l'acquisition de chacune
d'elles, soit redonnee, pour chacune d'elles, ä un heritier
de mes goüts." MAX LEHRS.
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