Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Denkmäler. — Sammlungen und Ausstellungen.

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das jedem, der sich in unserer naturalistischen Zeit noch ein
empfängliches Auge für reine Schönheit bewahrt hat, herz-
liche Freude bereiten wird. — Der fünften Heliogravüre hat
ein Gemälde von Hans Deiters, einem Sohne des trefflichen
Düsseldorfer Landschaftsmalers, zu Grunde gelegen. Unter
dem neutralen Titel „Freude" zeigt es uns einen Reigentanz,
den Jünglinge und Mädchen in antiker Gewandung auf einer
von Baumgruppen umgebenen Wiese vor zahlreichen Zu-
schauern ausführen. Es ist wirklich nur naive, unbefangene
Freude auf diesem Bilde, und wenn der Künstler auch in
der Pariser Schule gelernt hat, so hat er sich doch deutsches
Empfinden und deutsches Keuschheitsgefühl bewahrt. Der
Preis dieser beiden Blätter, die etwas größer sind als die
Landschaften 0. Achenbach's, beträgt 40 M. für das Blatt.

DENKMÄLER.

© Dem Soldatenzeichner Gharlet, einem der populären
Künstler, die zur Verherrlichung der Soldaten des ersten
Kaiserreichs beigetragen haben, ist in Paris auf dem Square
Denfert-Rochereau ein Denkmal errichtet worden, das am
2. Mai enthüllt worden ist. Eine Schöpfung des Bildhauers
A. Charpentier gehört das Denkmal zu den sich in neuerer
Zeit in Paris mehrenden Monumenten, die von dem herkömm-
lichen Typus abweichen und an dessen Stelle eine genre-
hafte Auffassung setzen, die den Vorzug hat, künstlerischer
zu sein und deutlicher zum Volke zu sprechen. Auf einem
viereckigen Unterbau erhebt sich eine Säule, auf deren Spitze
der gallische Hahn krähend seine Flügel spreizt. Am oberen
Teil der Säule ist das Reliefporträt Charlet's eingelassen, und
an ihrem Schaft lehnt ein Napoleonischer Grenadier mit
Bärenmütze und Gewehr, der auf einen ihm auf dem Sockel
gegenübersitzenden Pariser Gamin herabblickt, als ob er
diesem den Mann preisen wollte, der seinen Kaiser, ihn und
seinen Kameraden verherrlicht hat.

SAMMLUNGEN UND AUSSTELLUNGEN.

© Zum Neubau der kgl. Museen in Berlin. In der
Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses vom 7. Mai ist
die von der Regierung geforderte erste Rate von 500000 M.
„zur Erweiterung der Kunstmuseen durch Errichtung von
Gebäuden auf der Museumsinsel" nach längerer, mehr finanz-
politischer Diskussion einstimmig bewilligt worden. In der
Diskussion wurde auch durch Vertreter aller Parteien die
Bereitwilligkeit zur Hergabe einer angemessenen Summe für
ein Denkmal Kaiser Friedrichs, das mit der Museumsanlage
in Verbindung gebracht werden soll, erklärt.

St. Rom. — Die Nationalgalerie im Palazzo Corsini hat
in jüngster Zeit einige Eiwerbungen gemacht, welche die
Anziehungskraft der von Venturi neugegündeten Sammlung
wesentlich erhöhen werden. Zunächst sind die letzten Reste
der Galleria Sciara hierher gelangt, allerdings nur geringe
Fragmente der berühmtesten Privatgalerie Roms im vorigen
Jahrhundert. Aus diesen sind zwei wohlerhaltene Gemälde
des Ferraresen Garofalo hervorzuheben, der in Rom heute
besser vertreten ist, als in jeder anderen Stadt Italiens. Die
Gemälde gehören entschieden zu den besseren Arbeiten des
oft recht schwächlichen Meisters und bieten als mytho-
logische Schilderungen gegenständlich noch besonderes In-
teresse dar. Die Bilder stimmen im Format überein und
wurden sicherlich gleichzeitig für einen Besteller gemalt.
Das erste stellt die Jagd Meleager's dar, das zweite giebt
eine Scene wieder, welche auch auf einer der Magna mater
geweihten Basis geschildert wird, die heute das Kapitolinische
Museum bewahrt. Die Vestalin Claudia Quinta zieht das

Schiff, das an der Tibermündung auf den Sand gelaufen war
an ihrem Gürtel stromaufwärts, nachdem das Bild der Götter-
mutter auf dem Verdecke aufgestellt worden ist. Höchst
beachtenswert ist ferner das Porträt der Stefano Colonna,
des Herrn von Palästrina, von Angelo Bronzino im Jahre 1547
gemalt. Der Zeitgenosse und Verwandte der berühmten
Dichterin, eine prächtige ritterliche Erscheinung mit lang
herabwallendem braunen Bart, erscheint in schwerer Stahl-
rüstung, die nur Kopf und Hände freilässt. Das Bild ist wie
die meisten Arbeiten Bronzino's etwas kalt in der Färbung,
aber ungeheuer packend in der Schilderung und sicher in
der Zeichnung. Weit wichtiger noch sind zwei Erwerbungen,
welche die Galerie ausschließlich dem glücklichen Spürsinn
und dem scharfen Kennerauge ihres verdienstvollen Gründers
zu verdanken hat. Weder Francesco Bianchi Ferrari noch
Antoniasso Romano sind in deutschen Galerieen vertreten,
und selbst in Italien kannte man bis heute von jedem
Meister nur ein Werk. Maestro Bianco Ferraro wird vom
Chronisten Spaccini zuerst als Lehrer des Correggio erwähnt,
seit kurzem konnte ihm wenigstens ein beglaubigtes Werk,
die Verkündigung in der Galleria Estense in Modena, mit
Sicherheit zugeschrieben werden. Die Vergleichung mit
diesem Gemälde, welches der Künstler bei seinem Tode im
Jahre 1510 unvollendet zurückließ, ergab mit Bestimmtheit
die Autorschaft Bianchi's auch für das Brustbild Christi im
Garten von Gethsemane in halber Lebensgröße, den neuen
Schatz der Galerie Corsini. Das wundervolle Bild ist noch
ganz vom herben Geist des Quattrocento beseelt. Der betende
Christus, welcher mit erhobenen Händen das Abwenden seines
furchtbaren Verhängnisses erfleht, kann nicht ergreifender
geschildert werden, und doch ist der Ausdruck gehalten, und
der Blick der geröteten emporgerichteten Augen drückt
völlige Hingabe in den Willen des Vaters aus. Das Bild
ist äußerst gut erhalten; das in Licht und Schatten außer-
ordentlich fein abgetönte Rot des Mantels erinnert an den
heiligen Stephanus Francia's in der Borghese-Galerie; in der
Landschaft erkennt man deutlich die Modeneser Berge wieder.
Als Kunstwerk weniger bedeutend ist die Madonna des
Antoniasso Romano, aber für eine römische Galerie ist dies
Werk des einzigen in Rom gebildeten Künstlers des Quattro-
cento, der einigen Ruf erwarb, ein wahrer Schatz. Das
Altarbild stammt aus einem unterdrückten Kloster der Ro-
magna und trägt nicht nur die Jahreszahl 148G, sondern auch
mit großen Buchstaben die Inschrift Anthonatius Romanus
pinxit. Bis heute kannte man von diesem Meister, der in
Rom mit Melozzo da Forli die umfassendste Thätigkeit ent-
wickelt hatte, nur das auf Goldgrund gemalte Bild in S.
Maria sopra Minerva und eine Madonna, die im Jahre 1894
in der New Gallerie in London ausgestellt war. Alle seine
Freskomalereien sind zu Grunde gegangen. Um so wert-
voller ist die neue leider arg beschädigte Erwerbung der
Corsiniana, in welcher vor allem in den männlichen Typen
die Abhängigkeit Antoniasso's von Melozzo da Forli deutlich
zu Tage tritt.

Baden-Baden. — Die Kunstausstellung im Großherxogl.
Konversationshaus, welche Ende April wie immer unter dem
üblichen Ceremoniell eröffnet wurde, enthält in dem Rahmen
eines geschmackvollen Arrangements sehr empfehlenswerte
Werke der internationalen Kunst, welche zum größten Teil
hier zum ersten Male zur öffentlichen Ausstellung gelangen.
Speciell Karlsruhe, wo unter allen Kunstschulen Deutschlands
mit die frischeste, gesundeste Luft weht, ist nahezu vollzählig
erschienen. Unterden von dortgesandten Werken befinden sich
völlig neue und prächtige Arbeiten von Schönleber, Kallmorgen,
Ritter, Wieland,Hellwag, Orethev. Ravenstein xmAv. Volkmann
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