Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

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Bücherschau.

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Lithographie, Holzschnitt, die Kupferdruckverfahren, beson-
ders aber die zahllosen photomechanischen Reproduktions-
manieren werden eingehend nach ihrer Herstellungsweise,
praktischen Verwendbarkeit und ihrer Wirkung erläutert.
Was in photographischen Jahrbüchern u. s. w. verstreut war,
ist hier praktisch zusammengestellt. Denn für die Praxis
vor allem ist das stattliche Werk bestimmt. Diese Absicht
tritt auch in der Art, wie die Illustrationen beschafft wur-
den, zu Tage. Die Beispiele für die im Text erläuterten
Verfahren sind in der Hauptsache von den Firmen geliefert,
welche auf dem betreffenden Gebiete Hervorragendes leisten.
Man wird vielleicht über diese „Reklamebeilagen" die Nase
rümpfen. Wie wäre es aber sonst möglich gewesen, einen
solchen Reichtum von prachtvoll hergestellten Drucken dem
Bande einzuverleiben? Vielleicht hätte hier und da etwas
strenger ausgewählt werden dürfen. Holzschnitte, wie die
von A. Krämer (Stuttgart) sind nicht gerade mustergültig.
Dafür entschädigen die lange Reihe guter Farbendrucke, die
prachtvollen Autotypieen von Angerer und Gösch], Meisen-
bach, Büxenstein, amerikanischer Firmen u. s. w. Wertvoll
ist, dass kaum eines der photomechanischen Verfahren ohne
illustrative Beilage blieb. So hat das Werk nicht nur für die-
jenigen Wert, welche sich selbst in irgend einer Hinsicht über
Buchausstattung und speciell Buchillustration Orientiren
wollen, sondern auch für den, der aus historischen oder
Sammlerinteressen die moderne graphische Kunst verfolgt.
Die Ausstattung ist, in Anbetracht des Preises (geb. M. 45),
überaus reich. Der angefügte Litteraturnachweis hätte mühe-
los verdreifacht werden können. Der Verfasser, der offen-
bar über umfassende praktische Kenntnisse gebietet, scheint
in Bezug auf Heranziehung der Fachliteratur nur seinem
jeweiligen Bedarfe gefolgt zu sein. Jedenfalls wird, bei der
Fülle des recht übersichtlich gegliederten Materials, dem
Kunsttheoretiker wie dem Praktiker das elegante, gut ge-
druckte und schön ausgestattete Werk höchst willkommen
sein. M. SCH.

Gustav Könnecke: Bilderatlas zur Geschichte der deut-
schen Nationallitteratur. Eine Ergänzung zu jeder deutschen
Literaturgeschichte. Nach den Quellen bearbeitet. Mar-
burg, Elwert 1895. Geb. M. 25.

Die großartigen Fortschritte, die das Verfahren der
Reproduktion von Schrift- und Bildwerken in den letzten Jahr-
zehnten gemacht hat, haben bei der Ausstattung und äußeren
Gestaltung der Bücher eine große Veränderung hervorgerufen.
Was sich nur irgend illustriren ließ, wurde illustrirt, und
die Verleger benutzten, wie leicht begreiflich, diesen Schmuck
der Bücher, um die große Masse des Publikums, der an dem
Inhalt der Werke weniger gelegen sein mochte, zum An-
kauf anzulocken. Das Bedauerliche dabei war, dass bald in
sehr vielen Fällen dies Lockmittel als die Hauptsache an-
gesehen und dem Text geringe Sorgfalt gewidmet wurde
(ohne dass dadurch der Absatz der Bücher gelitten hätte).
So kam es, dass man in den Kreisen der höher Gebildeten
illustrirten Werken mit Misstrauen begegnete und ihnen,
wenn auch oft ungerecht, den wissenschaftlichen Charakter
absprach. Erst in neuester Zeit kommt man davon zurück,
seitdem anerkannte Gelehrte, wie z. B. die Autoren der
im Bibliograph. Institut erscheinenden großen Literaturge-
schichte der bedeutendsten Kulturvölker dem Vorurteil zum
Trotz es nicht verschmäht haben, ihre Darstellung mit dem
gefälligen Mittel der Illustration zu unterstützen. Und
warum sollte auch eine nach den Quellen gearbeitete Samm-
lung von Porträts oder gleichzeitigen Darstellungen geschicht-
lich oder kulturgeschichtlich wichtiger Ereignisse oder von

wertvollen Handschriften weniger wissenschaftlich sein, als
die Schilderung in Wort und Schrift, oder warum muss ein
Buch deshalb oberflächlich und unwissenschaftlich sein, weil
es zufällig illustrirt ist? Zu den streng wissenschaftlichen
Werken dieser Art gehört Könnecke's Bilderatlas zur Ge-
schichte der deutschen Nationallitteratur, nur dass er den
Text sehr zurücktreten lässt und sich auf die notwendigsten
Angaben und auf die Belege für die Authenticität der Bil-
der und die Angabe der Quellen beschränkt. Könnecke
hat bekanntlich zuerst (im Jahre 1886) den Versuch ge-
macht, ein auf umfassenden und gewissenhaften Studien be-
ruhendes großes Bilderwerk für die ganze deutsche Literatur
herzustellen. Das Werk bestand aus zwei Abteilungen, von
denen die erste die Bildnisse der bedeutendsten deutschen
Sprachforscher und Literarhistoriker, die zweite Abbildungen
von Porträts, bedeutenden Orten und Handschriften zur ge-
samten deutschen Litteratur von den ältesten Nachrichten
bis auf die Gegenwart, sogar auch an Autographen von
König Konrad's Unterschrift unter eine Urkunde aus dem
Jahre 1258 bis auf Kuno Fischer's eigenhändigen Namens-
zug enthielt. Besonders wertvoll waren die Nachbildungen
der Handschrift aus dem Mittelalter, wie z. B. die Proben
aus dem Codex argenteus, dem Beowulf, der Edda, dem Hilde-
brandslied, dem Heliand, Otfreds Evangelienharmonie, dem
Rolandsliede, Nibelungenliede, Gudrun. Bei den gotischen
und altdeutschen Texten ist für den Laien stets die Über-
setzung beigefügt. Kostbare Miniaturen und die Bilder der
altdeutschen Dichter, soweit erhalten, waren den Hand-
schriften beigegeben; das in Gold und Farbendruck ausgeführte
Porträt Walter"s von der Vogelweide aus der Manesse'schen
Liederhandschrift war dem Ganzen als der kostbarste
Schmuck vorgesetzt. In der neueren Zeit traten, wie natür-
lich, Goethe und Schiller in den Vordergrund. Das Kapitel
Goethe fand so großen Beifall, dass der Verleger einen be-
sonderen Abdruck von ihm als Goethebilderatlas veran-
stalten konnte. Gegen Ende des vorigen Jahres ist nun von
diesem prächtigen Werke eine neue Auflage erschienen. Es
enthält jetzt 2200 Abbildungen, 14 blattgroße Beilagen, dar-
unter zwei in Heliogravüre und fünf in Farbendruck. Die
beiden Heliogravüren sind der Stieler'sche Goethe und der
Tischbein'sche Lessing, die eine wahre Zierde des Werkes
bilden. Die neue Auflage hat nicht nur die weniger ge-
lungenen Bilder durch neue ersetzt — die inzwischen
sehr vervollkommneten Reproduktionsmethoden ermöglichten
häufig eine klarere und schönere Wiedergabe — sie bringt
auch 500 ganz neue Bilder. Besonders berücksichtigt worden
ist die Geschichte des deutschen Schauspielwesens bis zum
Tode Ludwig Devrients. Der Abschnitt Goethe und Schiller
hat auch in der neuen Auflage den Löwenanteil erhalten.
Um unseren Lesern einen Begriff von der Fülle von neuen
Abbildungen, die die zweite Auflage bringt, zu geben, ver-
zeichnen wir die Bilder des Abschnittes Goethe, die jetzt zum
ersten Male erscheinen: Bildn. Scblosser's; Bildn. und Na.
des Prof. Clodius; Friederike Oeser, Bildn. verkleinert; Su-
sanne v. Klettenberg, Bildn.; ein Friederikenlied, 1775; zwei
eigenh. Radirungen Goethe's; Silhouette Lotte BufFs (bisher
unbekannt); das Wertherzimmer, Kupfer von Chodowiecki;
. Silhouette von Goethe (bisher unbekannt); die vier Haimons-
kinder, Silhouette, 1776; Silhouette Klinger's (bisher unbe-
kannt); Silhouette Goethe's (bisher unbekannt); Silhouette
von Agnes Klinger und von Ph. Ch. Kayser; Bildn. von
Tantchen Fahimer; Bildn. von Katharina Zimmermann;
Medaillon der Herzogin Amalie, 1785 (bisher unbekannt);
Bildn. der Herzogin Amalie von Aug. Kauffmann; Goethe
nach der Orig.-Kreidezeichn. von G. M. Kraus, 1786; Etters-
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