Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 15.1904

Seite: 533
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Über einige Künstlerlexika

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Der bildenden Kunst sind in St. Louis nicht we-
niger als vier Gebäude übergeben worden. Eines,
das mittlere, bleibt erhalten und wird nach der Aus-
stellung als Museum dienen. In diesem Baue hausen
gegenwärtig die amerikanischen Künstler. Zu beiden
Seiten werden ephemere Ausstellungshallen von den
fremden Nationen benutzt, und hinter dem späteren
Museum steht noch eine besondere Skulpturenhalle, die
immer noch nicht eröffnet ist, obschon die Weltaus-
stellung selbst jetzt schon volle zwei Monate im Gange
ist. In dem östlichen der beiden Seitenbauten spielt
Deutschland, in dem westlichen Frankreich die führende
Rolle, indem diese beiden Länder die vorderen Teile
der Gebäude besetzt halten, so daß man zu den anderen,
im gleichen Baue untergebrachten Nationen nur nach
Durchschreiten der französischen resp. deutschen Säle
gelangen kann. Die Deutschen haben als Nachbaren
einen österreichischen Saal, Holland, Schweden und
Großbritannien. Die beste Ausstellung ist wohl die
schwedische, die sowohl geschmackvoll eingerichtet
als auch sorgfältig ausgewählt ist, doch läßt sich fast
das nämliche von der holländischen Sektion sagen.
Diese beiden Kunstabteilungen sind überhaupt wohl
die besten in St. Louis. Großbritannien hat vielen
Raum mit akademischen Langweiligkeiten, zuckersüßen
Banalitäten und geschichtlichen Anekdoten angefüllt.
Die wirklich gute Malerei ist ganz in der Minderheit
und verschwindet in der Masse des Anekdotenkranis.
Von Österreich ist nicht viel mehr zu sagen, als daß
sein Raum sehr hübsch eingerichtet ist. Es hat hier
nur einen einzigen Raum, da im übrigen die öster-
reichische Kunst in dem hübschen modernen National-
hause untergebracht ist, wo sich die Künstler ihre
überaus geschmackvollen Räume selbst eingerichtet
haben.

In dem französischen Flügel sind böse Nachbarn
untergebracht: Cuba, Argentinien, Brasilien, Mexiko,
Bulgarien und dergleichen Gesellen, die am stärksten
im unfreiwilligen Humor sind und für die Zeichen-
hefte des kleinen Max treffliche Vorlagen liefern
könnten. Außerdem hausen hier Belgien, das wie
Frankreich durch die Quantität zu imponieren sucht
und gute wie schlechte Sachen in großer Anzahl aus-
stellt, Italien, wo man teils noch süßer ist als in Eng-
land, teils in sensationeller Technik, sensationelle, am
liebsten allegorische und symbolische Themen ab-
handelt, hier und da aber auch recht interessante und
tüchtige Werke schafft, und endlich Japan, das haupt-
sächlich mit kunstgewerblichen Erzeugnissen, wie sie
jetzt schon alltäglich geworden sind, vertreten ist,
neben Malereien auf Seide nach berühmten alten
Mustern und Ölgemälden in europäischer Technik, die
uns ebenso schnurrig vorkommen, wie die kleinen
Männlein in den europäischen Uniformen. Das male-
rische Kostüm ihrer Heimat steht ihnen besser, als
der europäische Frack, und die alten japanischen
Malereien sind tausendmal schöner und charaktervoller
als die neuen Ölgemälde auf Leinwand.

Um nichts zu vergessen, sei noch erwähnt, daß
Ungarn in zwei Sälen ungefähr zehn Bilder zeigt und
damit wirklich etwas anspruchsvoll ist. So gewaltig

sind diese Meisterwerke nicht, um gleich jedes für
sich allein eine ganze Wand zu benötigen. Portugal
hat einen Saal, worin der Porträtist Columbano vor-
herrscht, Canada drei Säle, wo man sieht, daß die
canadischen wie die amerikanischen Künstler in Paris
oder London geschult sind und zum Teil achtungs-
wertes leisten. Alle nicht genannten fremden Länder
fehlen, die Ausstellung ist also lange nicht so voll-
ständig, wie die Pariser, wo außer den genannten
Rußland, die Schweiz, Spanien, Dänemark, Norwegen
und sogar die Republik San Marino vertreten waren.

KARL EUOEN SCHMIDT.

ÜBER EINIGE KÜNSTLERLEXIKA

Kann's wirklich etwas Amüsantes sein, über Lexika zu
schreiben? dünkt es mich, höre ich jemanden fragen.

Jedenfalls ist es amüsanter, über sie, als sie selbst zu
schreiben, antworte ich diplomatisch. Etwas Angenehmeres
kann man sich gewiß vornehmen, als ein Lexikon zu
schreiben — das versteht sich von selbst. Es gehören dazu
vor allem gute Kenntnisse und das Vermögen, das
Wesentliche zu sehen und sich kurz zu fassen, wenn man
sich mit dieser Art von Arbeit beschäftigen und darin Erfolg
haben will. Es schadet aber auch nicht, mit einer guten
Portion Anspruchslosigkeit und Geduld ausgerüstet zu sein.
Denn die Mühen des Lexikographen gehören zu denen,
welche in unserer geräuschvollen und lautstimmigen Zeit
wenig Lärm machen und eine nur langsame und schwei-
gende Anerkennung finden können. Wer aber täglich eine
Enzyklopädie oder irgend ein Fachlexikon anwendet
und somit eine gründliche Prüfung des Werkes vorge-
nommen hat, kann zuletzt sich selbst bekennen, daß dies
oder das Lexikon ihm ein treuer Freund geworden ist,
der ihm viel Zeit sparte und ihm schließlich unentbehrlich
scheint. Welcher geistige Arbeiter in Deutschland wollte
jetzt seinen Brockhaus oder Meyer entbehren? Ja, es hat
sogar Lexika gegeben, welche eine wirkliche Rolle in dem
verwickelten Prozeß gespielt haben, welcher die Prägung
des geistigen Stempels eines ganzen Zeitalters genannt
werden kann. So Bayles berühmtes Dictionnaire 1697 und
das große Konversationslexikon der französischen Enzy-
klopädisten in der letzten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Unter den Künstler-Lexikographen steht in erster Linie
Georg Kaspar Nagler, ein Antiquar und Dr. phil. in
München (1801 — 1866), dessen zwei Arbeiten »Neues all-
gemeines Künstlerlexikon« (22 Bände, 1835—1852) und »Die
Monogrammisten« (5 Bände, 1857—1879) von einem uner-
müdlichen Bienenfleiß zeugen. Wenn man hört, daß allein
das letztgenannte Werk ca. 12000 Künstler umfaßt, be-
kommt man eine Vorstellung von der Riesenarbeit, die in
diesen eng gedruckten Volumen verborgen liegt, in denen
der Kunstinteressierte ein unerschöpflich reiches Material
beisammen findet, praktisch und gut geordnet, in der Form
von bisweilen recht ausführlichen Biographien samt An-
gaben über die Werke der Künstler und von Stichen nach
denselben. Obgleich natürlicherweise in unseren Tagen
in vielen Punkten veraltet, ist doch Naglers allgemeines
Künstlerlexikon noch heute das umfassendste in seiner Art,
und wie oft kommt es nicht vor, daß man nach langem
vergeblichen Suchen bei neueren Verfassern zu sich selbst
sagt: Da will ich bei Vater Nagler nachsehen, und in vielen
Fällen findet man bei diesem bewährten Nestor wenigstens
einige Nachrichten über den betreffenden Künstler.

Eine vollständige Neubearbeitung von Naglers Lexikon
wurde 1869 von Julius Meyer in größtem Stile begonnen.
Als er aber nach sechzehn Jahren in drei Bänden nicht
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