Österreichisches Archäologisches Institut [Editor]
Jahreshefte des Österreichischen Archäologischen Institutes in Wien — 5.1902

Page: 167-168
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Ein Brief aus Athen vom Jahre 1810.

In der ldeinen Zahl von Pionnieren der classi-
schen Archäologie, welche im Anfange des vorigen
Jahrhunderts Grieclienland durcliforschten, befand sich
auch der jetzt wenigen mehr bekannte Däne G. H. C.
Koes. Er tritt in der Öffentlichkeit hinter den Namen
eines Haller, Stackelberg, Elgin, Bröndsted zurück.
Dass er so selten genannt wird, wenn man von der
Zeit spricht, die uns aus tausendjährigem Schutte
die Aegineten schenkte und die Parthenonsculpturen
rettete, daran trägt vor allem sein früher Tod die
Schuld. Kaum achtundzwanzigjährig starb er, bevor
er die gesammelte Studienernte bergen konnte, am
28. September 1811 auf der Insel Zante infolge
außerordentlicher Reisestrapazen, denen seine von
Haus aus schwache Constitution nicht gewachsen
war. Es gibt nicht leicht ein riihrenderes Denkmal
der Trauer um den vorzeitigen Heimgang eines mit-
strebenden und von gleicher Begeisterung für das
klassische Alterthum erfüllten Forschers als die
Klage Bröndsteds in der Yorrede zu seinen ,Voyages
et recherches en Grece c. In ergreifenden Worten
scliildert er den edlen Charakter und kurzen Lebens-
lauf des hoch veranlagten Freundes, wie gemeinsame
Studien sie auf der Universität in Kopenhagen zu-
sammenführten, wie sie sich 1807—1808 in Paris, dann
1809 —1810 in Rom fiir die Reise nach Griechen-
land vorbereiteten, um endlich den Fuß in das Land
der Sehnsucht setzen zu können. Aus jenen glück-
lichen Tagen, da sich dem Kunstbegeisterten die
schönsten Träume verwirklichten und er in die
,heilige c Stadt einzog, stammt ein temperamentvoller
Brief von Koes, den ich im folgenden mittheile.
Ich fand ihn zufällig in Rom, als ich das sub divo
ausgebreitete Lager eines fliegenden Buchhändlers
durclisuchte, unter einem Wuste verschiedenartigster
Papiere. Gerichtet ist er an Franz Riepenhausen,
den Verfasser der durch Goethe veranlassten Re-
construction der polygnotischen Gemälde in der
Lesche der Knidier in Delphi. Franz Riepenhausen
arbeitete mit seinem jüngeren Bruder Johann *) seit
1807 in Rom, wo Koes sie kennen lernte und sich
beiden in inniger Freundschaft verband. Der Brief,
dessen Ortliographie ich beibehalte, ist auf zwei Seiten
Quart geschrieben und lautet:

Athen 27. Sept. 1810

„Lieben Freunde. Da Ihr diesen Brief vielleicht
„gar nicht oder nicht viel eher als mich selbst zu
„sehen bekommt (denn er muß den verdammt langen
„Weg über Constantinopel u. Wien nach Rom
„machen) so mag ich mich eben so nicht weitläufig
„faßen, sondern melde Euch ganz kurz daß Bröndsted
„und ich uns hier sehr wohl befinden. Die anderen
„sind wohl noch in Korinth wo wir Sie vor 14 Tagen
„ließen, um nach Herzenslust zu zwickenf?] während
„wir dem heiligen Athen zueilten. — Ja hier ist
„mehr als Rom. — Parthenon, Propylaen, Theseus-
„u. Jupitertempel! wer vermag die unendliche Größe
„zu faßen u. darzustellen. — Und doch sehne ich
„mich herzlich nach Rom u. nach zu Hause — denn
„es giebt keine. verfluchtere Race als die jetzigen
„Griechen. Sie sind senza fede u. senza veritä u.
„die hier sich aufhaltenden ansäßigen Europäer, haben
„auch einen Sparren vom faulen Holze. — Engelländer
„giebt es die schwere Menge aber wenn man an die
„gutmüthigen talentvollen liebenswürdigen Römer
„gewöhnt ist, so findet man wenig Gefallen an
„den politischen bornirten langweiligen Mi-
„lords. —

„Übrigens ist es unser Plan hier ungefähr zwei
„Monathe zu bleiben u. dann nach den Umständen
„durcli den Pelopones zurück. — Grüßet Sirletti u.
„meldet ihm daß icli, da ich selbst nicht nach Kon-
„stantinopel komme, den Brief an Angeletti unserm
„Gesandteij, dem Baron Hübsch zugeschickt habe, der
„hoffentlich den erwähnten Angeletti ausfindig
„machen wird. Lebt recht wohl lieben Freunde u.
„grüßet mir recht selir Thorwaldsen, Schloßer, Po-
„lizzis [?] u. alle gute Freunde.

Euer G. Koes

N. S. Dem Parisino gebt meinen traulichen
Händedruck. —

Bröndsted grüßt herzlicli. —

Adresse: A Monsieur F. C. Riepenhausen

Strada Condotti Cafe greco

ä Rome

Auf der Siegelseite des Couverts in flüchtiger
Nachschrift: unsere Freunde sind heute den 28. Sept.
glücklich von Korinth angekommen. K.

*) Vgl. zu beiden O. Harnack, Deutsches Kunst- stachen für Bröndsteds Reisewerk einige Tafeln; vgl.

leb.en in Rom im Zeitalter der Klassik 179. Sie 1. c. preface p. XV.
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