Österreichisches Archäologisches Institut [Editor]
Jahreshefte des Österreichischen Archäologischen Institutes in Wien — 5.1902

Page: 137-138
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Ein attisches Grabrelief.

Die in "Fig. 29 reproducierte Grabstele, die
ich vor einem Monat im Kunsthandel kennen lernte,
stammt aus Attika und dürfte wohl den ersten Zeiten
des vierten Jahrhunderts zuzuweisen sein.

Der Stein ist feiner attischer Marmor. Yon der
Mitte des Randes neben
der sitzenden Frau zieht
sich ein nicht sehr sicht-
barer Riss bis in das
Akroterion hinauf. Die
Oberflächen des Reliefs
sind versintert und schei-
nen einmal übertüncht
worden zu sein. Das
Ganze ist 0*55 ra hoch,
am Akroterion 0*30 ra,
ganz unten 0*28 m breit;
seineDicke schwankt zwi-
schen o*o6 ra und 0*075 m.

Das 0*21 ra hohe Akro-
terion lädt mit einem
Kyma nach vorn und
seitwärts über den Schaft
aus. Seine Vorderfläche
ist nur mit dem Zahn-
eisen bearbeitet, offen-
bar zur Aufnalime einer
gemalten Palmette. Yon
Farbe hat sich indessen
an der ganzen Stele nichts
erhalten. Die Bildfläche
ist, mit Angabe von Capi-
tälprofden für die Seiten-
einfassungen, vier bis sie-
benMillimeter weit einge-
tieft, die Umrisse der Fi-
guren, besonders um den
Kopf der Frau, mit dem
Flachmeißel umzogen.

Die Gruppe nähert' sich den Darstellungen bei
Conze, Attische Grabreliefs LV 207 und LIX 239,
scheint aber einer etwas späteren Zeit anzugehören.
Abweichend sind die Formen des Lehnsessels und
des Schemels, auch die Stellung der Köpfe und die
Fußbekleidung.

Nach links gekehrt sitzt eine weibliche Figur,
Plathane, auf einem Lelinsessel mit geschweiften
Beinen, die Füße auf einen niedrigen Schemel ge-
stellt. Sie reicht ilire rechte Hand einem Manne,
Manis, der sie anblickt und so vor ihr steht,
als stütze er sich mit
der Linken auf einen
Stock, der aber plastisch
nicht dargestellt ist; ihr
Haar, das wohl eine
Binde trug, und der sicht-
bare Fuß sind etwas be-
schädigt. Der Chiton aus
faltigem Stoff ist mit
einem Mantel, der beim
Sitzen bis unter das Knie
der Figur reicht, über-
deckt. Manis trägt einen
Mantel, in den er den
linken Arm eingeschlagen
hat. In seinen Gesiclits-
zügen liegt weniger In-
dividualität als in denen
der Plathane. Auch die
Füße des Mannes sind
beschädigt.

Die Namen MANI*
PAAOANH unter dem
Kyma des Akroters sind
in 0*012 m bis 0*015 m
hohen Buchstaben seicht
und wenig sorgfältig
(Versehen bei ö) ein-
gehauen. Der Name Mcc-
vt£ findet sich öfters in
attischen Inschriften seit
der Zeit der Erbauung
des Erechtheions, den
Namen üXafl-dvT] trug die
Frau des Hippias, später Frau des Isokrates (Plut.
X orat. Isocr. 16, 41 Anonym. vit. Isocr. Suid.
s. Apapsög), die Frau eines Glaukon bei Conze, Atti-
sche Grabreliefs n. 269, und eine Sclavin bei Aristo-
phanes ran. 549.

München, Mai 1902. L. BÜRCHNER.

Fig\ 29 Grabrelief aus Attika.

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