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Badische Fundberichte: amtl. Nachrichtenbl. für die ur- u. frühgeschichtl. Forschung Badens — 23.1967

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https://doi.org/10.11588/diglit.44899#0204

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196

Kurt Gerhardt

denn sonst wäre der dazugehörende und offensichtlich noch darin steckende Knochen-
bereich schwerlich auf uns gekommen; auch der abgeschlagene Oberschenkelteil mußte
nach derselben Überlegung in der tiefen Gesäß wunde verblieben sein.
Mit welchem Instrument wurden diese Wunden geschlagen? Eine nur zum Stechen be-
nutzbare Waffe — oder ein anderer ähnlich wirkender Gegenstand — scheidet wegen der
Flächigkeit und teilweise beträchtlichen Ausdehnung der Knochendefekte aus. Aber eine
Axt, ein Schwert, ein Säbel? Sie alle vermögen randscharfe, glattflächige Abschläge zu
erzielen und können, von einer starken Hand geführt, auch mit der hier vorauszusetzen-
den erheblichen Wucht auftreffen. Nun ist die Wunde im Gesicht, soweit sie am Knochen
zu erkennen ist, 97 mm lang — geradlinig vom rechten Unterkiefergelenkkopf bis zur
Apertura piriformis gemessen. Ein Schwert oder ein Säbel kommt hierfür ohne weiteres
in Betracht. Aber auch eine Axt könnte eine so lange Schneide haben, vielleicht auch eine
Franziska: ich weiß dies nicht zu sagen. Ich glaube jedoch, es ist nicht nötig, darüber in
Waffenkunden nachzulesen. Es ist nämlich zumindest die Oberschenkelwunde sicher
nicht von einer Axt geschlagen worden: paßt man den erhaltenen Span an seine alte
Stelle, so zeigt sich ein etwa 3 mm breiter und zwar auf einer vertikalen Strecke von
30 mm gleichbleibender breiter Spalt. Hier kann nur ein dünnblat-
t i g e s Schwert oder ein solcher Säbel eingedrungen sein, ehe schließlich weiter unten
der Span absprang. Die Konkavität der Gesamtgesichtswunde spricht eher für eine
Schwert- oder säbelartige Waffe, die als Klinge wippen und überhaupt auf jede Hand-
drehung sofort mit einer Richtungsänderung, hier mit einem Bogenzuge nach rechts
unten, reagieren kann, während eine von außen oben schräg gegen die Stirnecke nieder-
sausende Axt höchstwahrscheinlich das ganze Gesicht nach links unten durchquert und
dabei mit ihrer Keil Wirkung weitgehend zertrümmert hätte. Und endlich: sollten die
beiden Abschläge am linken Oberarm und am linken Schlüsselbein zusammengehören,
so wäre der dafür verantwortliche waage rechte Hieb für eine Axt ganz ungewöhnlich,
hingegen für eine Schwert- oder Säbelklinge eine gebräuchliche Führungsweise. Nach
alledem möchte ich ein Schwert oder einen Säbel als Todeswaffe annehmen. Genauer läßt
sich die Waffe nicht bestimmen: also verhilft uns diese Ableitung leider nicht zu einem
besseren Datierungskriterium als die Kraniotypologie.
In welcher Reihenfolge sind die Treffer erfolgt? Da ich nie fechten gelernt habe, kann
ich hierzu nichts Schlüssiges sagen. Immerhin meine ich, daß der Kopftreffer unseren
Mann unbedingt niedergestreckt haben müßte und der Hieb in den Oberschenkel ihn
erst danach im grotesk verrenkten Stürzen getroffen hätte; der Horizontalschlag, der
den Oberkörper von der linken Schulter bis zur Brustmitte aufschnitt, hätte also wohl
die erste Wunde verursacht, die aber den Getroffenen noch auf den Beinen gelassen haben
dürfte. Hierbei setze ich allerdings nur einen frontal gegenüberstehenden Gegner
voraus. Es ist jedoch auch denkbar, daß mehrere Männer gleichzeitig auf ihr Opfer
eingehauen haben könnten; der von seitlich oder hinten oben kommende Treffer im
Oberschenkel wäre dann auch als der erste möglich. Wie dem auch sei, eine Frage wird
immer unbeantwortet bleiben: warum mußte dieser Unglückliche derart brutal zerhackt
werden?
 
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