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Badische Fundberichte: amtl. Nachrichtenbl. für die ur- u. frühgeschichtl. Forschung Badens — 23.1967

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https://doi.org/10.11588/diglit.44899#0228

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Kurt Gerhardt

de Sautuola, die polychromen Deckenfresken der „Kathedrale von Altamira“, und das
„Wunder von Lascaux“ wurde vollends erst im September 1940 offenbar. All die zahl-
reichen Zeugnisse der monumentalen Felsbildkunst, die uns ebenso faszinieren, wie sie
uns zum Herumrätseln nötigen, gab es also noch nicht. Aus den Höhlenablagerungen
und sonstigen kulturellen Stationen waren lediglich Knochen- und Geweihstücke, Stein-
platten mit eingeritzten Zeichnungen, dazu figürliche Schnitzereien zutage gekommen.
Die ältesten dieser künstlerischen Reliquien erregten nur kurzes Aufsehen, weil sie nicht
richtig eingestuft wurden; so registierte man eine Zeichnung von zwei Hirschkühen auf
Knochen, die in den vierziger Jahren Andr£ Brouillet in der Höhle von Chaffaud
(Vienne) geborgen hatte, im Museum von Cluny als keltische Arbeit. Auch passierte es,
daß ein im Jahre 1833 vom Engländer Mayor bei Veyrier nahe Genf gefundener Loch-
stab bis 1868 in der Vitrine lag, ehe L. Favre auf ihm die Gravierung von Pferd und
Pflanzen entdeckte. Das Aufmerken fing recht eigentlich erst an mit den Entdeckungs-
zügen Edouard Lartets im Dorado der Paläolithiker, im Tale der Vezere (Dordogne),
nachdem er im Jahre 1860 in Massat (Ari^ge) die Ritzzeichnung eines Bärenkopfes gefun-
den hatte. Im Dezember 1865 begann das Werk von E. Lartet und Henry Christy „Reli-
quiae Aquitanicae“ zu erscheinen, bereits die erste Lieferung brachte eineTafel mit Klein-
kunstwerken von Les Eyzies, Laugerie Basse, La Madeleine. Indessen: den Enthusiasten
standen sogleich Skeptiker gegenüber, auf der einen Seite wurden fröhlich Rentier-,
Mammut-, Auerochszeitalter immer tiefer ins Dunkel der Vergangenheit zurückgetrie-
ben, dem anderen Lager erschien es ernsthafter Bemühung wert, in den oft erstaunlich
gelungenen Arbeiten Vorbilder der griechischen Kunst aufspüren zu sollen. Fälschungen,
von nicht astreinen „Entdeckern“ selbst untergeschoben, sorgten zudem für Mißkredit
und Verwirrung (vgl. v. Hellwald 1880, S. 482 ff.); früh schon erwiesen sich gewisse
Steinwerkzeuge, die zum kulturgeschichtlichen Anschluß dienen sollten, zu einem nicht
abgrenzbaren Teil als „Bedarfserfüllung“ aus der Hinterstube pfiffiger Erdarbeiter, so
mehrere primitive Artefakte, auf die Jacques Boucher de Crevecoeur de Perthes zwangs-
läufig hereinfallen mußte. Weiter: die Kunstgeschichtsschreibung beruft sich zwar auf
frühe Begründer, wie Giorgio Vasari (Erstausgabe der Künstler-Viten 1550) und Johann
Joachim Winckelmann („Gedanken über die Nachahmung etc“, 1755)15), jedoch war der
Weg zur historischen Wissenschaft im Augenblick des Thayngener Eklats immer noch
weithin ein Gipfelpfad der Ästhetik und der Philosophie (Kultermann 1966), das mit-
getragene reale Wissen von den humaniden Kunstereignissen wog noch federleicht. Die
Kunst der „rohen Wilden“, wie man damals noch unbedenklich die „Naturvölker“ be-
zeichnen konnte, war der jugendlichen Ethnologie erst in regionalen Proben bekannt
und daher kaum schon tragfähig für umfassende kunstwissenschaftliche Erkenntnisse.
Wohl lagen bereits wichtige Pionierwerke vor, die von Tatsachen ausgehen und von
ihnen angebotene Schlüsse einfangen wollten, vor allem Adolf Bastians, aber es setzte
die fruchttragende ethnologische Kunstforschung erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts
(etwa mit Leo Frobenius) ein. Wir müssen uns also bewußt werden, daß für einen wissen-
schaftsethisch frommen Gelehrten wie Ecker der Versuch, das „artistische Moment“
in seinen vielfältigen Bezügen und Herkünften zu erhellen und für das aktuelle Problem
Thayngen nutzbar zu machen, höchst unbefriedigend, ja erschreckend vage ausfallen

15) Schrifttum bei Udo Kultermann (1966).
 
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