Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,4.1917

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den und Wertgefühl haben, auch wenn er nicht zu den „Gebildeten" ge-
hört, die das Wesen einer „abstrakten Idee" durchschauen können. Er
muß nur Herz, Gemütskraft genug haben, um lebendig und stark Gemein--
schaft mitzuerleben. So liegt auch beim Bauernstand nicht ein Mangel an
„Bildung" vor, wenn ihm der „Vaterlandsbegriff" fremd bleibt. Der Bauer
ist durch seine ganze Arbeitsart und Wirtschaftswei.se auf Einsamkeit und
Abgeschlossenheit angewiesen. Er erlebt die weite, lebendige Gemeinschaft
des Volkes nicht, wie sie der Beamte erlebt, desfen ganze Arbeit eine
Arbeit an dieser und für diese weite Gemeinschaft ist. Auch der Schrift»
steller sieht immer und immer die weite Volksgemeinschaft als Gebiet
seines Wirkens vor sich, der Unternehmer steht in allem seinem Tun mitten
in ihr und ihren arbeitenden, schiebenden Kraften, der Arbeiter fühlt sich
als ein Glied weiter, volksdurchdringender Arbeitsgestaltungen und Be«
rufsorganisationen. Langsam erst wird die Arbeit und das Lehen des
Bauern in solche weiten, volksumspannenden Organisationen einbezogen.
Ie mehr er sich aber hier als arbeitendes, gestaltendes Glied der über die
tzeimat hinausragenden, arbeitenden Volksgemeinschaft empfinden lernt,
desto mehr wird er auch mit jener bewußten Liebe zur Staatsgemeinschaft
erfüllt, die er jetzt nur unbewußt innerhalb und mit der Glut des tzeimats»
gefühls besitzt.

Man sieht, wie wichtig es ist, neben der zusammenfassenden Abstrak»
tion des wissenschaftlichen Begriffes jene deutliche Vorstellung des
Wertinhaltes zu haben, der für uns in einer „Idee" liegt und für uns
Deutsche eben im Worte der deutschen Sprache zum Ausdruck kommt.
Wenn ich von einer „Idee" rede, so gebrauche ich allerdings einen ab-
gezogenen Begriff. Der Philosoph jedoch weiß, daß dies abstrakte Wort
die zusammenfassende Bezeichnung der Gedanken und Begriffe ist, die
Werte von höchster Wirklichkeit für den Menschen bezeichnen. Diese Tat-
sache wird jedoch dem die ganze Tiefe des Denkens nicht Durchdringen-
den — sagen wir einmal dem Studenten in einer Vorlesung — nicht klar,
wenn nicht die deutsche Bezeichnung des Wertes wenigstens dazutritt.
„Vaterland" ist eine Idee, denn es bezeichnet einen in der Wirklichkeit
vorhandenen, das Empfinden und Lun des Menschen stark bestimmenden
heiligen Wert. Dieser Wert aber ist eine bestimmt geartete Gemeinschaft.
Wieviel deutlicher tritt er hervor, wenn wir statt von der „Idee des Vater-
landes« „von der Gemeinschaft des Vaterlandes", ihrer Eigenart und
eigenartigen Vollendung reden!

Man wird dem zunächst entgegenhalten: Aber die Idee des Vater--
landes bezeichnet schließlich doch auch dies, daß das Vaterland nicht nur
die konkrete Gemeinschaft, sondern ein Ideal der Gemeinschaftsgestaltung
bedeutet, an dessen Vollendung die Liebe des Menschen hängt. — Aber
ist das nicht eben die Tatsache der Gemeinschaft, daß man ein gemein-
sames Ziel der Gemeinschaftsbildung hat? Es gibt kein Vaterland für
den „Deutschen", dem Gelderwerb alles ist und der darüber hinaus nichts
kennt. Nur für den gibt es ein Vaterland, der irgendwie den Wunsch
nach wachsender Gerechtigkeit, Treue, Liebe, fortschreitender Bildung und
Weltbeherrschung durch menschlichen Geist und menschliche Arbeit in sich
trägt. Gemeinschaft ist eine gegenwärtig bestimmende Kraft des Men-
schenherzens, weil sie ein Zukunftsziel umfaßt und deshalb an den Willen
des Menschen Ansprüche stellt.

Doch greifen wir andere Ideen heraus: „Gerechtigkeit", „Wahrheit",
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