Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,4.1917

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„Freiheit", das „Gute", das „Schöne^. Sie alle bezeichnen Ziele, die
den Menschen in seinem innern Wesen bestimmen und Höherem zutrei«
ben. Aber ist es nicht merkwürdig? In jeder dieser Ideen schwebt dem
Menschen eine bestimmte Gestaltung der Gemeinschaft vor der Seele oder
eine bestimmte Gestaltung seines innern Wesens im Verhältnis zur Ge«
meinschaft. „Gerechtigkeit" kann ein bestimmt gefordertes Verhalten des
Menschen zum Menschen bezeichnen, das in jeder Gemeinschaft anders
gedacht und empfunden und gefordert wird. Was man als Gerechtig»
keit empfindet und fordert, macht sehr wesentlich die Eigenart dieser Ge-
meinschaft aus. Oder „Gerechtigkeit" ist die geforderte Gestaltung der
Gemeinschaft und ihres Arbeitens, ihrer wirkenden Formen selbst — immer
aber bezieht sich die „Idee" auf einen Wert, der in der Gemeinschaft ver»
wirklicht werden soll.

„Freiheit" ist für uns Deutsche eine bestimmte Gestaltung der Innerlich«
keit. Diese ist „frei", wenn sie sich nur an ihre eigenen Gewissensnormen
gebunden fühlt und die Abhängigkeit von Rücksicht auf Vorurteile, Furcht,
äußerm Ehrgeiz usw. überwunden hat. Bezeichnet aber diese Idee dann
nicht auch wieder ein bestimmtes Verhalten des Einzelmenschen in per
Gemeinschaft? Er ist „frei", wenn er über die mit der Gemeinschaft ver-
bundenen tzemmungen niedriger, sinnlicher und materieller Art erhaben
ist und dem mit voller Kraft gehorcht, was als die höhern, geistigen Ziele
und Bestimmungen der Gemeinschaft auf ihn wirkt. Sobald man dies
erkannt hat, weiß man, daß Individualismus und Sozialismus keine
Gegensätze sind. Das wirklich freie Individuum ordnet sich am stärksten
den geistigen Werten der Gemeinschaft ein. Indem ein Mensch die geisti-
gen Werte der Gemeinschaft zu seinen bestimmenden Beweggründen er-
hebt, wird er ein eigenartiges und freies Ich. Gegensatz von Indivk-
dualismus und Sozialismus ist nur da, wo der Einzelne die Lntfaltung
seines Wesens im Medrigen sucht — also tatsächlich dem Außergeistigen
anheimgefallen ist und zur Vollendung seiner geistigen Eigenart gar
nicht strebt. Es ist so, wie Eucken es uns immer und immer wieder vor-
hält: Geistiges Leben ist nur da, wo das Individuum seine volle Ligenart.
mit einem überindividuellen Lebenszusammenhang durchdrungen hat.

„Wahrheit" — scheinbar wieder eine innere Gestaltung des Einzel-
lebens — und doch gar nicht denkbar ohne das Bewußtsein, daß dies Ein-
zelleben sich nur in einer Gemeinschaft vollzieht, in deren Leben es drinnen
stehen soll wirklich als das, was es ist, und nicht mit Versuch, zu täuschen
und zu scheinen. Oder man denkt bei dieser Idee „Wahrheit" an jenes
tzöchste der Lrkenntnis — es liegt nur ein Sinn darin, wenn man an
ein Etwas denkt, dem jeder Sinn sich beugen und in dem jeder das
nicht Abzuleugnende erkennen muß. Die Idee der Wahrheit ist der Glaube
an die Möglichkeit einer geistigen Gemeinschaft und an ihre Vollendung
über das Maß hinaus, in dem wir jetzt noch befangen sind, wir, deren Ge-
meinschaft immer nur unvollkommen ist, weil die „Wahrheiten", die unsre
Seele bestimmen, eben noch nicht dieselben — deshalb auch nach unser
aller Urteil mit Irrtum gemischt sind.

„Schönheit" können wir uns nur denken als eine Gestaltung, die in uns
allen jenes Empfinden des Entzückens oder jene Erschütterung des Er-
habenen wachruft. Wir suchen die Schönheit, weil sich Geistiges in ihr
offenbart, weil Gemeinschaft, Ahnung von Gemeinschaft durch sie gestiftet
wird, wo sonst oft gar keine Gemeinschaft möglich ist.
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