Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,2.1918

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nach käuflichen Kunstwerken und die Treiberei in den Preisen. Diese
wurde außerordentlich begünstigt durch den starken Anteil, den das neutrale
Ausland an dem Aufkaus von Kunstwerken in Deutschland nahm; zahlte
man doch dort, dank der schlechten deutschen Valuta, nur etwa die Hälfte
der Preise, die wir Deutschen selbst anlegen mußten. Welchen Erfolg man
sich hier von der Ausbeutung unseres Kunstmarkts während des Kriegs
versprach, geht daraus hervor, daß sich vor etwa Iahresfrist in Schweden
gleich zwei Gesellschaften von Kriegsgewinnlern bildeten, welche — die eine
unter Führung des Direktors des Nationalmuseums in Stockholm — Rund-
fahrten durch Deutschland und Österreich behufs Aufkauf von Kunstwerken
machen ließen und diesen mehrere Millionen Mark zur Verfügung stellten.

Unter solchen Auspizien begann in diesem Herbst die Wintersaison der
Kunstversteigerungen. Schon im Winter vorher hatte sich in Berlin in--
folge der wachsenden Konjunktur neben der alten Firma Rudolf Lepke ein
zweites vollwertiges und geldkräftiges Kunstauktionshaus austun können,
zu dem sich die Firma Paul Cassirer mit der alten Münchener Firma
Helbing vereinigt hatte. Schon seine damaligen Versteigerungen hatten,
wie die Lepkeschen, nach den Preisen, die bekannt wurden, große Erfolge;
sie waren aber zum Teil nicht sehr erfreulich und gaben insofern kein ganz
richtiges Urteil, als mehrere Kunsthändlerversteigerungen oder stark gs--
mischte Versteigerungen darunter waren, bei denen Steigerungen und Rück-
käufs an der Tagesordnung zu sein pflegen. Erst die ersten Versteige--
rungen dieses Winters lassen uns wirklich klar sehen, wohin unser Kunst--
handel durch die bald vierjährige Absperrung von außen, durch den starken
Abgang nach dem bevorteilten neutralen Ausland, durch den Hunger
nach Kunst und durch die Entstehung einer neuen, nur zu kaufkräftigen,
aber seh- wenig vorgebildeten Gesellschaftsschicht, wie durch jenen Andrang
und die Treiberei mancher tzändler gekommen ist.

Die Versteigerung der in ihrer Art durch ihre einzigartige Sammlung
deutscher Krüge ausgezeichneten Antiquitäten des Kölner Albert von
Oppenheimschen Nachlasses bei Rudolf Lepke erzielte zwar sehr hohe,
aber keineswegs sehr übertriebene Preise, weil deutsche Krüge nur einen
beschränkten Kreis von fast ausschließlich deutschen Sammlern haben.
Nm so außerordentlicher waren die Resultate der Lepkeschen Versteigerung
der kleinen Sammlung von Bildern und Zeichnungen von Ludwig Knaus,
die fast fünfviertel Millionen Mark, und namentlich der sehr viel umfang--
reicheren und bedeutenderen Sammlung Richard von Kaufmann bei
Cassirer L Helbing, die fast zwölf Millionen Mark erzielte, der höchste
Erlös, den je eine Kunstauktion gebracht hat. In beiden Verstsigerungen
wurde fast das Vierfache von der einige Monate vorher von uns gsmachten
Schätzung und mehr als das Zwanzigfache der von den Besitzern ge--
zahlten Preise erzielt. Einzelne Stücke, namentlich unter den Gemälden,
erreichten das Hundertfache, ja selbst das Tausendfache des Ankaufspreises.
Durch diesen kolossalen Erfolg ist namentlich die Versteigerung v. Kauf--
mann zu einer Sensation ersten Ranges geworden, hat aber zugleich
sehr viel böses Blut gemacht. Wie war das möglich? Wie ist dem ab--
zuhelfen? Denn so darf es nicht weitergehen: so fragt und urteilt man
fast allgemein.

Daß es bei den Versteigsrungen nicht mit rechten Dingen zugsgangen sei,
ist völlig ausgeschlossen. Freilich war die Reklame eine starke, aber durch--
aus erlaubte, ja die Kataloge waren sogar durchaus kritisch und vorsichtig
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