Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,2.1918

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wären auf unsre Häupter Kronen gesetzt. Ansre Freiheit, die wir mit
aus den Schlachten bringen, ist überzeugender, klingender und stahlhärter
als eure: denn wir wuschen unsre inneren Kräfte in Blutbächsn von den
Flecken der kleinen Erde rein. So sei unser erstes Ziel, euch in den Nöten
des Abergangs beschützend Geleiter durch die Dunkelheit zu sein. Unser
zweites: aus dem Nnsichtbaren euch die neuen Weltzinnen in die Sonne
zu rücken. M

^terbende sind wir, aber die für ein zweites Leben bleiben, werden
^wieder Werbende sein. Wieviele Bitterkeit sucht uns oft heim! Laut
wollen wir es jedem sagen, daß uns das Tagwerk nicht gefiel, das uns
aufgelegt war. Trotzdem haben wir uns nie der Bitterkeit überlassen.
Wie ein ehernes Gesetz stand die Not der Heimat über uns, und keinen
Augenblick sind wir ihm ausgewichen. Wohl wußten Tausende nicht, wo--
für ihr Eifern und ihre immerwährende Nnrast bestimmt waren. Aber
wer handelt gegen die Pflicht, die in seinem Wesen wurzelt? Wir haben
an Eltern und Weib und Kind gedacht. Ihr daheim habt ausgehalten
und habt entbehrt. Aber ihr habt auch gewuchert und habt gegen Ketten
getobt, die eure Eiubildung sah. Warum konntet ihr's uns nicht gleich-
tun, die wir geduldig auf uns nahmen, was an schwerer Last auch immer
die eisernen Wochen üns brachten? Nnerträglich war es ja nie. Meist
zeigte sich's immer noch leichter, als unsre Sorge und unser Gewissen
fürchtete. Nun haben wir den Ring zerbrochen, der uns umgürten wollte
und euch mit uns. Aber noch sind wir einsam. So macht ihr uns denn
zweisam und dreisam und vielerleisam, daß der Frieden wie ein Blumen-
garten um uns wachse. Welch eine tzoffnung! Erfüllt sie uns!

W?

Grieger sind wir, bald werden wir Sieger sein. Das Zwischenspiel hebt
^an. Einig müssen wir werden. Aber ihr müßt die Gewohnheiten und
die Gewöhnlichkeiten ablegen. Millionen Hände und Herzen gehn an den
Aufbau der neuen Welt. Es kann ja nicht sein, daß ihr daheim und wir
draußen uns serne bleiben! Wüßtet ihr nur ganz, wie uns Gedanken
daran als Gespenster umschleichen, so wäre die Hälfte der gemeinsamen
Arbeit errichtet, der Kampf gewonnen und das Zwischenspiel ginge gut aus.
Wir glauben an euch.

Soldaten sind wir noch, aber bald werden wir wieder Bürger sein.

E. M.

Vom jungen und alten Deutschland

im Berliner Theater

s gehört nun einmal zum Charakter der Lheaterstadt Berlin, sich immer in
den schroffsten Gegensätzen zu bewegen. Lange Zeit haben sich ihre Bühnen
wie auf Verabredung von der jungen zeitgenössischen Dramatik ferngehalten,
so daß ein Kritiker, dem es um den Zusammenhalt mit der Gegenwart zu tun
ist, allen Verkehrswarnungen zum Trotz in die Versuchung geriet, sich nach
einer ständigen Rundreisekarte zwischen Dresden, München, Stuttgart, Karls-
ruhe, Darmstadt, Düsseldorf und womöglich auch noch Königsberg umzusehen;
nun plötzlich wird gleich eine große Gesellschaft zur Pflege des dramatischen
Nachwuchses gegründet, Preise, Lhrengaben, Stipendien, Vorträge, Vorlesungen
nnd — Aufführungen werden veranstaltet, und als hätte man nur auf dies
Naketenzeichen gewartet, fangen alsogleich auch die andern, dieser Gründung
fernstehenden Bühnen an, sich zu der gestern noch als mager verschrieenen
Krippe solcher Neuaufführungen zu drängen. So hat die letzte Berliner Theater--

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