Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,2.1918

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rigkeit Ler Ausführung, noch schwere Bedenken. Da der Krieg von unseren
Feinden ja gerade zu unserer wirtschaftlichen Schädigung, wenn nicht Ver--
nichtung angezettelt ist, so müssen wir als Erwiderung auf ein Ausfuhr--
verbot unsererseits sofort von Frankreich und England, nachdem die übri-
gen Länder klassischer Kunst schon Ausfuhrverbote haben, uns gegenüber
das gleiche Verbot erwarten. Bisher ist aber der Privatbesitz an Werken
älterer Kunst in Frankreich und namentlich in England noch wesentlich
größer als bei uns; wir würden also für dis Zukunft, zumal ein solches
Verbot von feindlicher Seite sicher nicht aufgehoben würde, smpfindlich
geschädigt werden. Nicht nur die Museen, sondern in gleichsr Weise auch
unsere Sammler, deren Interesse an der Kunst und an den öffentlichen
Kunstsammlungen, deren bewährte Gebefreudigkeit für diess dadurch" ent-
schiedeu beeinträchtigt werden würde. Andererseits ist die Entrüstung übsr
diese rasche, erschreckende Abwanderung der Kunstwerke aus deutschem Privat-
besitz zu laut und zu berechtigt, um ganz überhört werden zu können; das
Verbot würde einfach erlassen werden, ohne Rücksicht auf die Museen zu
nehmen, wenn diese nicht mittun würden, um Mittel und Wegs zu eiuer
Beschränkung der Ausfuhr und zur Rettung wenigstens der wichtigsten
Werke, namentlich der deutschen Kuust, zu finden. Hoffentlich wird dies
bald und in einer Weise gelingen, dis den Kunsthandel nicht schädigt, die
Preise wieder in ruhigere Bahnen bringt und das Sammeln dsn ösfent-
licheu Instituten und ebensosehr auch den Kunstfreunden erleichtert und
nicht erschwert oder nahezu unmöglich macht.

Berlin, im Meihnachtsfest MilhelmBode

Adalbert Stifter

ist nun fünfzig Iahre tot. Ob wohl irgend jemand zur Zeit seines
gemeint hat, daß er im Iahr Gjb noch so lebenspendend im
^^Schrifttum dastehen würde, wie er heute tut? Wissen es doch von den
Lebenden selbst nicht allzuviele, welche Macht Stifter noch jetzt ist. In Deutsch-
land pflegt man ihn als einen etwas allzu ruheseligen aber ungemein feinfühli-
gen Naturschilderer zu betrachten, als eine Art Träumer, im übrigen ols den
geborenen Schöpfer solcher Erzählungen, die man mit Vorliebe jungen Mädchen
zur Konfirmation schenkt. Gelegentlich wird noch anerkannt, daß ihm einige
schöne, stimmungstarke Novellenszenen gelungen seien, und seine „Studien" ge-
Hören eben darum zum immer wiederkehrenden Bestand des Büchermarktes,
weil man sie gern verschenkt und sie für gewisse eng umgrenzte seelische Be-
dürfnisse als die gegebene dichterische Befriedigung ansieht. Im übrigen hält
man es im stillen mit Hebbel, der demjenigen die polnische Königskrone ver-
sprach, der nachweislich nngezwungen den großen „langweiligen" Noman Stif-
lers, den „Nachsommer", gelesen habe, kaum jedenfalls mit Nietzsche, welcher
denselben Roman zu den fünf größten der Weltliteratur zählte. Und gibt es
nicht für die Menschheit-Meinung, obgleich sie diesmal mit Hebbel geht, auch
einen überraschenden Beleg? Der „Nachsommer" ist seit vielen Iahren im Bnch-
handel überhaupt nicht mehr ungekürzt zu kaufen. Trotzdem: Neben Goethe gibt es
keinen zweiten dentschen Dichter in der neueren Zeit, der zum Befruchter so
vieler lebendiger Dichtungen geworden wäre wie Stifterl Selbst Gottfried
Keller ward das nicht in gleichem Maße. Ein ganzer zweige- und blütenreicher
Ast der deutschen Dichtung, der deutsch-österreichischs, wäre ohne Stifter so,
wie er ist, nicht denkbar. Schon die Alteren, wie Rosegger, Ferdinand von Saar,
Marie von Ebner-Eschenbach, Franz Stelzhamer und manche Andere gehören
nicht einer „Stifter-Schule" an, aber einem Geschlecht, das bis ins Innerste
von Stifter berührt war. Und von dem Enkelgeschlecht der Heutigen bekennen
sich ausdrücklich oder durch ihr Schaffen ganze Scharen zu ihm. Einem Bieneu-
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