Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,2.1918

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Selbstsucht und Begierde. „Es scheint dem wahren Endzweck des Staates ange-
messen, die Sinnlichkeit — aus welcher eigentlich alle Kollisionen unter den
Menschen entspringen, da das, worin geistige Gefühle überwiegend sind, immer
und überall harmonisch miteinander bestehen kann — in den gehörigen Schran-
kcn zu halten."

So wird aus den Wechselbeziehungen der Individualitäten immer stärker ein
Gemeinsames an Ideen und Gefühlen hervorgehen, das dem Volkscharakter sein
ganz bestimmtes Gepräge gibt. Ie durchgebildeter er ist, desto kräftiger um-
rissen wird der Geist der Nat.ion sein, wie sie sich von fremden Völkern
scheidet. Aber nur scheidet, um wieder durch die Verbindung mit ihnsn die
eigenen Kräfte, und damit die Kräfte der Menschheit zu steigeru. Auch die
Auseinandersetzung der Nationen miteinander durch den Krieg, der vielleicht
lebhafter, allerdings auch gewaltsamer als aller friedlicher Austausch die gegeir-
seitige Kräftemehrung fördert, gehört zu den Mächten der geistigen Ieugung.
tzumboldt sagt dazu: „Es ist mir der Krieg eiue der heilsamsten Erscheinungen
zur Bildung des Menschengeschlechts; und ungern seh' ich ihn nach und nach immer
mehr vom Schauplatz zurücktreten. Es ist das, freilich furchtbare, Extrem, wodurch
jeder tätige Mut gegen Gefahr, Arbeit und Mühseligkeit geprüft und gestählt
wird, der sich nachher in so verschiedenen Nuancen im Menschenleben modifiziert
und welcher allein der ganzen Gestalt die Stärke und Mannigfaltigkeit gibt,
ohne welche Leichtigkeit Schwäche und Einheit Leere ist." Aber Humboldt
will den Krieg des Individuums, nicht der untergeordneten Masse; daher ver-
wirft er ausdrücklich den Kasernendrill und klagt über die vermeintliche Ent-
artung des Krieges: „Anleugbar hat die Kriegskunst unter den Neueren un-
glaubliche Fortschritte gemacht;. aber ebenso unleugbar ist der edle Lharakter
der Kricger seltner gcworden. Seine höchste Schönheit existiert nur noch in
der Geschichte des Altertums."

Bei allen diesen Betrachtungen ist offenbar eines von Humboldt, dem aus-
schließlichen Individualisten, noch nicht genügend in die Rechnung gestellt:
die Akassen und ihre Macht, das Volk als Ganzes. Die Zeit eines Marx und
Lassalle sollte erst kommen. Aber zu einem hat der Forscher vor allem beige-
tragen, zur irdischen Festigung der Humanität. Was bei dem weichen Herder
ejne Art unerreichbares Elysium blieb, wo nur Glück und Frieden herrschte,
es wurde von Humboldt in die Welt des Schmerzes und Kampfes hinüber-
geführt, aber damit eben dieser Erdenwelt die Idee der Humanität als wer -
dende Form ihres Lebens bewußt gemacht; wie er selbst einmal sagt:

„Großes ewig muß der Mensch erzeugen,

Weil zum Himmel auf sein Wesen strebt;

Doch das Große muß der Zeit sich beugen,

Der im Busen wieder Größ'res webt,

Schlingen so sich hin ein Götterreigen,

In dem Schönes Schöneres belebt.

Nur ein Leben aus dem Tod Entfalten
Ist der Menschheit schmerzumwölktes Walten."

So werden, das ist Humboldts Glaube, die Völker unsres Planeten niemals
die Humanität als einen seienden, starr gewordenen Idealzustand erleben und
erlangen. Humanität ist unendliches Werden, unendliche Verfeinerung. Es
läßt sich wohl ihr Begriff in Worten umschreiben, was sie aber letzten Endes
ist, läßt sich restlos niemals sagen. Sie endet im Anendlichen, dem das faustische
Streben der Menschheit nachjagt, und wird allein Erfüllung finden in der
Gottheit. P. Th. Hoffmann

Nahrrmgsrnitteltrust

Man schreibt uns: '

^^t^^it welch pharisäischem Selbstbewußtsein sah der gute Europäer vor dem
^F/lKriege auf den „freien" Amerikaner herab, wenn vom amerikanischeu
^ ^ ^Trustwesen die Rede war! Einc so vollständige Beherrschung des Bin-
nenmarktes durch wcnige Monopolinhabcr, eine so schonungslose Preisgabe dcr

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