Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,2.1918

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Wort?" Und ich fasse mich immer
wieder an den Kopf: Wie können
die nur? Du sitzest doch jetzt ins
zweiunddreißigste Iahr auf deinem
Schriftleiterstuhl und sie kennen dich
immer noch nicht?

Also, meine Herren Leser und
Frauen Leserinneu, aberurals: ich
bringe jene Aufsätze nicht, t r o tz d e m
sie anderer Meinung sind als ich,
sondern deshalb. Daß ich für mein
Teil ein „Nationaler" bin, brauch ich
nach eineni Menschenalter nationaler
Arbeit keinem erst zu beweisen. Ge-
rade die nationale Aufgabe be-
stimmt mich auch hier. Denn wenn
ich irgendeinen Denknebel für voll-
wertig halte, so den Wunsch: Alles,
was man liest, solle einem „aus der
Seele sprecheu". Schon in der
Stimmung, die das wünscht, seh
ich eine Zimperlichkeit, höchst gleich-
vicl, ob ein „Roter" damit das „Ge-
schreibsel" des „Bourgeois" oder ein
„Nationaler" damit das „Geschreib-
sel" des „Genossen" „ablehnt". Wenn
nns nicht einmal der Ernst dieser
Zcit dazu verhilft, gegnerische Ge-
danken mit allerbestem Willen, sie
zu verstehen, nachzudenken, so können
wir ein für allemal die Hoffnung auf
eine deutsche Kultur aufgeben, die
„freie Bahn für den Tüchtigen" aus

jeder Richtung und die damit Weite
und Fülle hat. Wer anders denkt,
findet ja links wie rechts Blätter,
deren Schriftleiter keine höhere Auf-
gabe kennen, als ihrem Leserkreis
nach dem Munde zu reden und nach
dem Ohre zu schweigen. Wir vom
Kunstwart dürfen das nicht ein-
führen, denn wir gäben damit unser
Bestes auf, unsre Zukunft. Daran
arbeiten wir doch: auch hier ein Or-
gan von Freien, Starken, Reifen,
von Deutschen zu schaffen, die auch
Gefühlsunlust und Gedankenmühe
nicht scheuen, um zum Rundblick ins
Freie zu kommen. A

Jm Streite der Meinungen

m uns gegen fremde, den unsrigen
entgegengesetzte Ansichten tolerant
und beim Widerspruch geduldig zu
machen, ist vielleicht nichts wirksamer
als die Erinnerung, wie häufig wir
selbst über denselben Gegenstand suk-
zessiv ganz eutgegengesetzte Meinun-
gen gehegt und solche bisweilen sogar
in sehr kurzer Zeit wiederholt ge°
wechselt, bald die eine Meinung, bald
wieder ihr Gegenteil verworfen und
wieder aufgenommen haben, je nach-
dem der Gegenstand bald iu diesem,
bald iu jenem Lichte sich uns dar-
stellte. Schopenhauer

Unsre Bilder

F^^ie Szene „Faust bei Michelangelo", die diese Blätter im ersten Drruke
^ bringen, führt zu dem Meister der Bildnerei größter Art, es schien nur
angemessen, sie auch für das körperliche Auge mit zwei Blättern nach
Michelangelo zu begleiten. Aber die mehrfarbige Wiedergabe des Iesaias wie
die einfarbige nach dem Kopf „seines" Engels geben noch zu andern Be-
merkungen Anlaß.

Die Prophetengestalt «inmal in den Farben Michelangelos zu sehn, ist
sicher interessant. Die Wiedergabe ist so gut, wie sie sich erreichen läßt, sie
entstammt dem großen Steinmannschen Werk über die sixtinische Kapelle und
ist mit Geldunterstützung des Deutschen Reichs vor dem Original selbst her-
gestellt worden. Die Farbcn befriedigen uns nicht — aber sie befriedigen
uns auch nicht vor dem Original. Diese ist verblaßt, jene hat sich gehalten,
so daß die Harmonie des Ganzen sich gewiß nicht vermehrt hat. Wir müssen
da aus der Vorstellung erst rekonstruieren; wenn wir uns die Schrifttafel
kräftig violett, das Kleid energischer weinrot, das Blau entschiedener denken,
und so mehr, dann ahnen wir immerhin, wie's gemeint war. Trotzdem ist's
eine Frage, ob jemals für Michelangelo die Farbe Ausdruck war. Wenn
später die um Cornelius mit der Farbe nur „kolorierten", so wissen wir nicht,
mit wie viel Recht sie sich auf Werke wie die der sirtinischen Decke berufeu

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