Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,2.1918

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bildende Kunst andere Vorwürfe mit einbezogen werden, wird der Begriff
der Naturwahrheit in seiner Nnzulänglichkeit bald augenfatlrg.

Der Entwicklungsgedanke ist schwieriger zu widerlegen. Es ist ein
verlockender Standpunkt, „die ganze Kunst als ein Lebendiges l^w--v>
anzusehen" (Goethe) und zur Entdeckung einer höheren Gesetzmäfzigkeit
anzuleiten, im Gefühl, daß, wie Goethe ferner sagt, „eine Notwendig-
keit hier im Spiel ist, die sich aus freien Elementen nicht zusammen-
setzen läßt". Diese „organische" Anschauung forderte, ebenfalls nach
Goethe, in seiner Beurteilung Winckelmanns „einen unmsrklichen Ur-
sprung, ein langsames Wachstum, einen glänzenden Augenblick der Voll-
endung, eine stufenfällige Abnahme, wie jedes organische Wesen".

Wir haben gerade im Laufe der letzten Iahrzehnte erfahren müssen,
wie abhängig unser Kunsturteil von dem jeweiligen Standpunkt der
bildenden Kunst in der Gegenwart ist. Was die eine Künstler- und Ge-
lehrtengeneration als Blüte der Kunst in der Vergangenheit anspricht,
ist Verfall sür die andere und umgekehrt. Wie Kraft und Stoff keiu
Werden und Vergehen kennen, so ist die Idee unveränderlich und jedes
Kunstwerk ist eine geschaute Idee. Ieder Verfall kann Keime neuer Blüte
in sich bergen, jede Blüte trägt den Anfang des Endes. Ohne Ende und
ohne Stillstand ist der Weg des Geschehens, und die Kunst stellt immer
nur die Formel dar, in die der Mensch sein Verhalten zur Gegenwart faßt.

Auch war bis vor kurzem unsere Abersicht über Kunst eng begrenzt.
Nachdem wir Verständnis für die Kunst Asiens neben der Europas ge-
wonnen haben, werden Zufälligkeitsmaßstäbe immer schwerer aufgestellt.
Das Tertium comparationis, die Frage nach dem Ziel der Entwicklung,
ist nicht mehr sestzusetzen. Nur die Persönlichkeit bleibt faßbar. Kunst
ist Ausstrahlung des Persönlichen, sie ist das eigenste Eigentum eines
Einzigen, und nur, soweit jeder Mensch den Zins an seine Zeit ent-
richten muß, steht die Kunst in Abhängigkeit von den Nmständen der
Gegenwart ihres Schöpfers. Naturalismus, Impressionismus hat es bei
allen Völkern fast gleichzeitig gegeben, je nachdem die Persönlichkeiten
ihre Form zur Auseinandersetzung mit der Nmwelt suchten. Das Barock,
das unseren Vätern unter Goethes Einfluß eine Verfallzeit dünkte, er-
scheint unseren Zeitgenossen als hohe Blüte. So wandeln sich die Ar-
teile über Entwicklung.

Wenn wir daher die Kunst als etwas Lebendiges auffassen wollen,
so nur wie einen quellenden Fluß, der plaudernd immer weiterrauscht,
dessen Anfang wir nicht kennen, dessen Ende wir nie schauen. Wir aber
sitzen, glückliche Kinder, an seinen Nfern, spiegeln uns in seiner Helle,
und wenn wir nach unserem Bilde greifen, zerrinnt es silbern zwischen
den Fingern. Robert Corwegh

Geld und Freigeld

^^^er Freigeld--Freiland--Bund bittet uns um Aufnahme der solgenden

HDarlegung:

Otto Corbach hat im l. Septemberheft des „Kunstwarts" die öfter genannte
als gekannte Gesellsche Freigeldlehre abgelehnt. Sie sei unorganisch gedacht, ein
Kniff und Amerikanismus, Torheit und Fetischismus. — Wenn sich nachweisen
läßt, daß Gesells lSache gegen den Wirtschaftsorganismus sündigt, dann ist sie
freilich abgetan. Wir wollen versuchen, die heutige, kapitalistische Wirtschafts-
form wesenhaft zu beschreiben und danach zu zeigen, was Gesell will. Ls wird
sich umgekehrt erweisen: Kapitalismus ist unorganische Wirtschaft, Gesell entfernt

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