Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,2.1918

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neinung herrscht da wie dort. Es wäre eine knlturfördernde Tat, solche Ver-
neinnng wenn nicht in Bejahung umzuwandeln, so doch der Bejahung anzu-
nähern. Diese Tat könnte glücken, wenn der Gegenwart ihr Spiegelbild aus der
Vergangenheit vorgehalten würde, wenn sie erführe, daß sie genau so in die
Irre geht wie längstvergangene Zeiten.

Inr übelsten Sinn ist auch wieder der Brauch erwacht, die künstlerische Wert-
setzung wie ein Börsenspiel zu betreiben. Stimmung wird gemacht für den einen
und gegen den andern. Mit künstlichen Mitteln wird dort emporgetrisben, hier
gedrückt. Ein Opfer solchen literarischen Börsenspiels soll jetzt der Schweizer Konrad
Ferdinand Meher werden. Eingeredet wird uns, daß wir Toren waren, als wir
seine Kunst für echt hielten und sie hoch einschätzten.

Abermals gestehe ich einer Dichterin gern das Recht zu, Meher abzulehnen.
Ricarda Huch kommt aus der Umwelt Kellers, die sich mit Meher schwer ver-
trägt. Auch Franz Ferdinand Baumgartens fast überscharfsinniges Buch über
Meyers Renaissance-Empfinden und Stilkunst behält in meinen Augen recht, so
verneinend es zuweilen klingt, so sehr es gelegentlich den Anschein erweckt, es
wolle Meher entthronen, während es in ihm nur die thpische Verkörperung eines
„Renaissancismus" nachweist, dem ebenso Burckhardt und Metzsche huldigten, der
indes heute überwunden ist. Allerdings wirkte Baumgartens Buch auf andere
wie Henkersarbeit; nachgesagt wird ihm, er habe die einstürzenden Gipsfiguren
Meyers ganz in den Sand gestreckt. Schon diese Umdeutung von Baumgartens
Arbeit beweist, wie leichten tzerzens heute das Lob aufgegeben wird, das einst
bereitwillig dem Schweizer Novellisten und Lhriker gespendet worden war. Ich
selbst zweiflc nicht, daß sich zwischen Meyer und einer rasch vorwärtseilenden
Zeit bald eine tiefe Kluft auftun wird. Ist jedoch ein Zunehmen der Entfrem-
dung eiu zureichender Grund, Meyer oder sonstwen zu den Toten zu legen?
Entscheidende Voraussetzung des Naturalismus war der Minderwert der Literatur,
an der stch damals die Lesewelt ergötzte, während sie das Gute und Große über-
sah, das in der zweiten tzälfte des sst. Iahrhunderts erstanden war, zunächst Hebbel
und Keller. Soll jetzt tatsächlich alle Dichtung von gestern und vorgestern auf
die Tiefstufe herabsinken, die um s885 von der literarischen Marktware einge-
nommen wurde? Wir hätten dann nicht einmal den Trost, daß verkanntes
Großes aus der Zeit vor dem Kriege noch der Wiedererweckung harre. Denn
wären K. F.Meher oder Gerhart Hauptmann wirklich nur die Dahn nnd Ebers
ihrer Ieit, so bliebe es wohl vergebliche Arbeit, aus gleicher Ieit Verborgene
und Verkannte vom Rangs Hebbels oder Kellers ausfindig machen zu wollen.

Dresden. O. Walzel

Anzeigerrmonopol und Freiheit der Presse

Zu dem Schairerschen Aufsatz im s. Märzheft des 30. Iahrgangs schreibt
man uns:

welcher Form die staatliche Organisation des Anzeigenwesens statt-
^t finden soll, ist noch eine Frage zweiter Ordnung. Viel wichtiger scheint
^^Dmir die Bedeutung der staatlichen Organisation des Anzeigenwesens
in ihrer Rückwirkung auf die Zeitungen. Ich erhoffe von ihr den Schutz der
Freiheit der Presse. Lediglich aus dieser Erwägung bin ich zu dem
Gedanken des Anzeigenmonopols gekommen, als eines zwar radikalen aber
wirksamen tzeilmittels.

Da dieser Punkt zugleich derjenige ist, welcher das Interesse der weitesten
Öffentlichkeit in Anspruch nimmt, so wird er auch von den Freunden und
Verteidigern des gegenwärtigen Zustandes in seiner Bedeutung nicht ver-

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