Beck, Paul [Hrsg.]; Hofele, Engelbert [Hrsg.]; Diözese Rottenburg [Hrsg.]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 18.1900

Seite: 159
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wisse bühneniechnische Gcwcmdiheit und
eine nicht ungeschickte Elfindungsgabe.
Jedenfalls fanden sie ein dankbares
Publikum.
Länger als am Gymnasium der prote-
stantischen Reichsstadt erhielt sich im
Wengenstift die Schnlkomodie. Ein nicht
uninteressanter Teil der schwäbischen Kul-
turgeschichte spielt sich in ihr ab. Als letzter
Ausläufer ber geistlichen Schauspiele des
Mittelalters in Ülm erhielt sich die Schnl-
komvdie im Wengenstift bis zum Beginn
des 19. Jahrhunderts, um mit dem Stift
zugleich ihr Ende zu erreichen. Beide
sielen den politischen Stürmen znm Opfer.

Vor iw Jahren. — NnF einen! alten
MereMeiiner Wostertagesinch zc.
(Fortsetzung.)
Den 9. Oktober ging ich dem Auftrag
des gnädigen Herrn gemäß nach Aalen,
um mich wegen der angeknndigten Lieferung
mit dem General Marcognet zu besprechen.
Er gab mir hierüber die Erklärung, daß
der General Grandjean allen Chefs seiner
Division, zwar nicht ausdrücklich, aber doch
stillschweigend erlaubt habe, von den Ge-
meinden, wo ihre Bataillone und Compag-
nien einqnartiert sind, für jeden Mann ein
Paar Schuhe, ein Paar Gamaschen und
für jede Compagnie zwei Ellen blauen
Tu.cheS für die Musikanten zu fordern.
Dies sei die Regel, nach welcher mir uns
zu richten hätten. Er zeigte mir über das
einen Brief von dem Chef des Gcneral-
stabs der Division Grandjean, General
Termin, auf welchen sich seine Erklärung
gründete. Ich fragte ihn, warum diese
Requisitionen nicht schriftlich an die Ge-
meinden gemacht werden? Weil sie, ant-
wortete er mir, nicht legal ist, und setzte
hinzu: „indessen müssen Sie doch die Lie-
ferung machen, wenn Sie nicht einige
Compagnien mehr ins Quartier in Ihre
Herrschaft bekommen wollen." So weit
ist es mit uns, und mit dem heiligen,
römischen Reiche gekommen, daß wir, ohne
Hilfe, ohne Erleichterung, ganz unter dem
drückenden Joch der Franzosen und jedes
französischen Soldaten schmachten müssen!
Welche Demütigung!, welche Schande, —
nickt für das deutsche Volk, sondern für
die'deutschen Fürsten! Auf das dringende
Einladen Marcognets auf sein Versprechen,

mich morgen nach Neresheim zu begleiten
und wegen des schlechten Wetters blieb
ich in Aalen über Nacht. Am 10. Okt.
kehrte ich in Gesellschaft des Generals
Marcognet und mit seiner eigenen Equi-
page nach Neresheim zurück. Marcognet
speiste bei uns über Mittag und reiste dann
weiter nach Nördlingen. Den 11. Okt.
kam Marcognet von Nördlingen hiehcr
zurück, nahm ein Frühstück und ging dann nach
Aale» zurück. Der Bürgermeister von Stein-
weiler machte nachmittags die Anzeige, daß
von dem Städtchen Neresheim ans zwölf
Franzosen sich in Steinweiler einquartiert
haben — wahrscheinlich auf Veranlassung
des Herrn Ellenrieders! (Forts, folgt.)

Meine Mitteilungen.
o. Ein merkwürdiges Konversions-
gebet. Nach dem überraschend plötzlichen Tode
des Herzogs Karl Alexander von Würt-
temberg im Jahre 1737 gab sich die prote-
stantische Geistlichkeit unverhohlen der sicheren
Erwartung hin, die herzogliche Familie
nach und nach zur L a nd esr e li g ion, zurü ck-
z u f ü h reu, und der Oberhofprediger Oechsli n
scheute sich nicht, am nächsten Sonntag nach dem
Todesfälle seinen Vortrag in der Stuttgarter
Hofkapelle mit einem sonderbaren (ein Seitenstück
zu dem im Jahre 1716 durch den bekannten
Pietisten Franke vom Halleschsn Waisenhause
verfaßten Kirchengebet für dis Wiederbekohrung
des zur katholischen Religion übergetretenen Her-
zogs Moriz Wilhelm von Sachsen bildenden),
auch als Flugblatt verbreiteten Gebete zu er-
öffnen, welches der Nachwelt nicht vorenthalten
bleiben soll und in welchem er dieser Erwartung
unumwundenen Ausdruck gab. Es lautet: „Herr
Gott! Du erhörest Gebet, darum kömmt alles
Fleisch vor Dich. Du hast in diesen Tagen Dich
so bewiesen unter uns, daß Du alleine Herr bist
und alle andere Herrlichkeit zu Nichte wird, wie
eine Wasserblase. Du, großer Gott, hast unfern
durchlauchtigen Herzog schnell weggeräumt, wie
der Staub vom Winde verstäubt wird. Wir
wünschen dem fürstlichen Hause, daß demselben
Gnade widerfahre nach aller Nothdurst. Wir
empfehlen unfern durchlauchtigen Landesprinzen
Deiner väterlichen Aufsicht und weil seines Herrn
Vaters Augen geschlossen, so -wollest Du ihm seine
Augen aufschließen, zu erkennen, daß alles Eitel-
keit außer Dir fey und was sich nicht will biegen
laßen, das muh brechen. Wir empfehlen Dir
unsere durchlauchtige Frau Herzogin. Deine
Hand hat ihr solche Wunden geschlagen, es kann
sie auch niemand von Grund aus heilen, denn
Du allein. Als der Heiland dem Blindgebornen
Koth auf die Augen gethan, da wurde er sehend.
Mache Du diesen Zufall ihr zur Augensalbe, zu
sehen, wie es wahr ist, daß die Welt vergehet
mit ihrer Lust. Unsere durchlauchtige Herzogin
weiß viele Wahrheiten; laß die Kraft davon
durchdringen, damit sie im Grunde des Herzens
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