Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 23.1908

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Architekt emanuel Margold —Wien. Plakat-Entwurf für eine Kunst-Ausstellung.

EIN BEITRAG ZUM STÄDTEBAU.

von otto scheffers—dessau.

Aus den frühesten Tagen meiner Jugend, die
L ich in einer großen norddeutschen Handels-
stadt verlebte, haftet ein hägliches Bild von der
Innenseite der Häuserblöcke unauslöschlich in
meiner Erinnerung. Noch sehe ich die lodderige,
unverput3te Kehrseite der Häuser mit den Hun-
derten von Scheuerlappen und Wischtüchern
vor den Küchenfenstern, die vielen Hinterhäuser
und Schuppen für Kohlen, Holz, Torf, Felle, Tabak,
Getreide, Heringe usw., die angebauten Aborte,
die geteerten Planken, deren Löcher und Ritjen
uns Knaben beim Klettern wohl zustatten kamen,
die Fässer, Eimer, Leitern, Latten, Haufen von
Lumpen, altem Eisen, zerbrochenen Töpfen in
allen Ecken, den Schmutj auf den Höfen, die
Ratten, die sich darin wohl fühlten, usw. In-
zwischen kam ich in manch eine Großstadt; ganz
so schlimm, wie in dem eben geschilderten Falle,
traf ich es nicht überall an, aber nirgends bot die
Kehrseite der Häuser und der eingeschlossene
Raum dem Blicke ein auch nur einigermaßen
erträgliches Bild, geschweige denn eine Augen-
weide. Wohl sah ich Häuserblöcke mit gut ver-

pusten und sauber gehaltenen Kehrseiten, wo das
Garnieren der Fenster mit Scheuerlappen nicht
zur Regel gehörte, wo Hintergebäude nur Aus-
nahmen bildeten und wo das Areal der Haupt-
sache nach mit Gärten belegt war, aber überall
wurde das Gesamtbild durch affenkastenartige
Anbauten an den Küchen, durch hohe Planken
und Mauern zwischen den Gärten, durch zahl-
reiche Brettverschläge, genannt Gartenlauben, und
anderes entstellt. Unsere Großstädte mit ihren
luxuriösen Straßenzügen und den vernachlässigten
Innenseiten der Häuserblöcke erinnern eben leb-
haft an die Wohnung des Parvenüs, der alles für
den Salon und nichts für Wohnzimmer, Schlaf-
raum und Küche tut. „Vorne fix und hinten nix!"
gilt noch immer als Losung bei der Anlage von
Städten. - Bei der heutigen Entwicklung von
Handel und Industrie ist es unmöglich, drakonische
und gleichmäßige Vorschriften für die Bebauung
aller Häuserblöcke einer Stadt zu erlassen. Das
Zentrum der Großstadt bildet sich gemäß ihrer
Entwicklung immer mehr zu einer Niederlage von
Waren, zu einem Raum für Läden, Werkstätten

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