Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 23.1908

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JOSEF KOVVAR/.IK FRANKFURT a. M.

Plakette mit Silbereinlage: »Badende«.

PFLEGE UND LEITUNG MODERNER ÖFFENTLICHER GALERIEN.

VON FRANZ. SERVAES - WIEN.

Die öffentlichen Sammlungen moderner
Kunst hören nicht auf, Sorgenkinder
für uns zu sein. Über der Berliner National-
galerie, sonst unserem Stolz, lastet seit der
»Beurlaubung« Tschudis peinliche Ungewiß-
heit; die Münchner Neue Pinakothek ist etwas
so farblos Schillerndes, daß ihr das erregende
Moment fast völlig fehlt; und die Wiener
Moderne Galerie ist zum weitaus größten
Teile ein ungelöstes Versprechen geblieben.
Nun kann man ja sagen, daß alle diese An-
stalten nichts anderes als notwendige Übel seien
und daß sie selbst, wo sie das Vollkommenste
bieten, immer noch für einen Widersinn zu
gelten haben, und wohl gar für einen bar-
barischen! Die Kunst sei nicht dazu da, auf-
gestapelt zu werden; sie werde in Museen
getötet und ihrer eigentlichen Bestimmung
und Wirkung entzogen. Doch wird mit derlei
hypochondrischen Litaneien nichts ausgerichtet.
Ihre philosophische Berechtigung mag zuge-
geben werden; aber das praktische Leben darf
sich hierdurch nicht abhalten lassen, die ihm

gemäßen Formen zu finden. Und gute moderne
Galerien sind für das moderne Leben eine
Formfrage ersten Ranges. Je entfesselter
heutzutage die Produktion ist, je heftiger und
anspruchheischender sich die Talente drängen,
desto gebieterischer wird die Pflicht, zu einer
Ordnung und Übersicht zu gelangen. Und
diese Pflicht haben eben die modernen Galerien
zu erfüllen. Sie sollen gleichsam der ruhende
Pol in der ewig vorwärts treibenden Ent-
wicklung sein; die in monumentaler Umgebung
vereinigte Auslese des Besten, was unsere
Periode künstlerisch schafft; kurz, unser künst-
lerisches Vermächtnis an die Zukunft. . Es
sind hohe Gesichtspunkte, die hier erreicht,
bedeutende Verpflichtungen, die erfüllt werden
sollen. Und die Öffentlichkeit hat ein Recht
und ein Interesse, mit darüber nachzudenken,
wie diese Aufgaben gelöst werden können.

Die allererste Grundbedingung für ein förder-
liches Gedeihen dieser Anstalten ist die, daß sie
reine Kunstanstalten seien. Sie müssen durch-
aus geschützt sein gegen Einflußnahmen anderer

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