Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 23.1908

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SCHÖNHEIT ALS WELTANSCHAUUNG.

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Es ist heute nicht mehr etwas Außerge-
wöhnliches, geschweige etwas Törichtes,
von Weltanschauung zu sprechen. Das war
nicht immer so. Die Zeiten liegen noch gar
nicht weit zurück, da über Weltanschauung
zu reden, eine Vergeudung von Worten ge-
wesen wäre. Damals hatte man noch reich-
lich und überreichlich zu tun, die Fülle der
neuen Tatsachen, die auf allen Gebieten der
geistigen Arbeit in die Höhe schössen, zu
beobachten und zu sammeln; damals hatte
man noch keine freie Stunde, um aus dem
Meere der einzelnen Wahrheiten eine neue,
große, allumfassende Wahrheit zu destillieren.
Diese Perioden der exakten Forschung, der
Untersuchung und Analyse sind stets die Vor-
läufer einer Zeit, der die Sehnsucht nach
Aussonderung des Gemeinsamen aus der Viel-
fältigkeit, die Sehnsucht nach einer letzten
Wahrheit, Lebensnotwendigkeit wird. Erst
muß unter dem Ansturm neuer Entdeckungen,
neuer experimentel festgestellter Realitäten, die
alte bis dahin immer noch Geltung habende
Weltanschauung gründlich umgestoßen werden,
ehe überhaupt die Möglichkeit vorliegt, daß
etwas Neues sich kristallisiere. Die neue
Weltanschauung ist immer die Todfeindin der
vorhergewesenen und meist ihr Antipode.

Die Ablösung geht aber niemals so vor sich,
daß nun etwa die neue Weltanschauung dik-
tatorisch deklariert wird; erst müssen sich
die Erkenntnisse gehäuft haben, die den fun-
damentalsten Behauptungen der alten Welt-
anschauung widersprechen, bevor die neue
keck ihr Haupt erheben kann. Aber wenn
dann der Daten und Tatsachen genug sind,
dann regt sich in ihnen ganz von selbst etwas
wie ein geistiger Bautrieb; die Logik, die in
jeder Einzel Wahrheit sitzt, besinnt sich und
fühlt die Verwandtschaft der Wahrheiten rings-
umher. So strömt das zusammen, was eine
neue Weltordnung werden will. Die Menschen
vermögen immer nur eine Zeit lang den Zu-
stand des Nebeneinanders von mannigfachen
Weisheiten zu ertragen. Dann beginnt sich
der Wille zum Gesetz zu regen. Der trocknen
Wissenschaft gesellt sich die philosophische
Laune; zunächst ist es nur eine Laune, bald
aber wird daraus eine Notwendigkeit. Frei-
lich, anfangs kommt auch die Philosophie
wissenschaftlich gestiefelt daher; als Psycho-
logie, Kthik und Ästhetik sucht sie die Un-
ruhe derer, die da durstig sind, zu stillen.
Aber auf die Dauer gelingt ihr das nicht,
und unaufhaltsam drängt sich durch all die
Gelehrsamkeit und die Fülle des Wissens



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1909. III. 1.

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