Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 23.1908

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REFORM DER TANZKUNST.

Die Tanzschule der Isadora Duncan kommt
nach Darmstadt, und so wird diese Stätte
moderner Kunstbestrebungen um eine Tatsache
reicher, die ein nicht unwichtiges Glied ästheti-
scher Kultur bildet und daher ernster Beachtung
würdig ist. — Im neunzehnten Jahrhundert halte die
Tanzkunst einen wahrhaft beschämenden Tiefstand
erreicht, der sich in Worten kaum schildern läßt.
Man muß ihn erleben, um seine ganze Scheufj-
lichkeit kennen zu lernen, und leider bietet sich
heute noch reichlich Gelegenheit zu diesem Er-
leben. Im fadesten, toten Virtuosentum, in öder
Mäßchenreißerei war alle Tanzkunst erstarrt.
Ausnahmen bildeten nur die Vorstadttänze, wo
noch kein Drill die natürliche Anmut ungezwungen
fließender Bewegung erstickte. Auf den Bühnen
herrschte aber lediglich ein technisches Können,
dem jeder Ausdruck mangelte und das auch gar
nicht Ausdrucksbedürfnis war; hatte es doch jenes
ewig sich gleichbleibende Lächeln in seiner Ge-
folgschaft, das unter dem Namen „Ballerinen-
lächeln" allgemein bekannt ist und jenem falschen
Lächeln gleicht, das alle schlechten Photographen
von ihren Modellen fordern. Und dem Auge
wurde nichts geboten an edeln Bewegungen,
harmonischen Farbenklängen usw. Malerisch war
diese Tanzkunst sicherlich nicht, zur bildenden
Kunst führte keine Brücke. Wenn ich eine
Charakteristik geben soll, wird es wohl am
besten sein, sich folgenden Vergleichs zu be-
dienen: Wer einmal im Zirkus die sogen, „hohe
Schule" reiten sah, wird wissen, dag sie in einer
Reihe von durchaus dem eigentümlichen Wesen
des Pferdes nicht angepaßten Bewegungen besteht.
Was den Kenner begeistert, ist die Tüchtigkeit
der Dressur, die Überwindung von Schwierigkeiten.
Mit ästhetischem Genießen hat dies nichts zu
tun. Und gleiches gilt von der alten Tanzkunst.
Auch sie ist lediglich eine hohe Schule der
Dressur. Mit Schönheit haben ihre Mäßchen
keine Berührungspunkte. Aber das Ganze wirkt
peinlicher, weil es sich um Menschen und nicht
um Tiere handelt, um Menschen, die zu Glieder-
puppen herabgesunken sind, welche sich in eigen-
tümlichen Verzerrungen gefallen, deren Sinn
unverständlich ist.

Und so wie wir des Pferdes eigentümliches
Wesen in seiner Natürlichkeit bewundern können,
so wollen wir auch im Tanze Natur: des Körpers
Sprache. Damit sei keinem Naturalismus die
Stange gehalten; das liegt mir fern. Kommen

doch für den Tanz nicht alle Bewegungen in
Betracht, sondern lediglich die dem Auge wohl-
tuenden, und unter ihnen wieder vor allem jene,
die bedeutungsvoll und charakteristisch sind. Und
schon diese Tatsachen wehren allen falschen
Naturalismus ab. Aber selbst der wäre, falls ihm
starkes Leben eignen würde, nicht so peinlich
und hauptsächlich nicht so langweilig als jene
Virtuosenstückchen, von denen ich vorhin sprach.

Von der Bedeutung der Tanzkunst dachten
frühere Zeiten ganz anders, als wir. Sie war
auch für sie etwas anderes. Ich gebe lediglich
zwei Beispiele aus dem 18. Jahrhundert. Sie
rühren von Ästhetikern her, die selbst schaffende
Künstler waren. Ich meine Heinse und Herder.
Von ihnen gibt der erste eine recht glückliche
Charakteristik der Tanzkunst: „Ein Ballett ist die
Darstellung einer Begebenheit durch Mienen und
Geberden, Tanz und Gruppierungen für das Auge:
gleichsam eine Malerei in lebendiger Folge.
Man muß also Begebenheiten dazu aussuchen, an
denen das Wesentliche und Interessanteste gerade
den Sinn des Auges trifft. Die Musik drückt die
Gefühle dabei aus und gibt das Maß zu den
Bewegungen." Während Heinse so vornehmlich
die malerische Seite der Tanzkunst betont, hebt
Herder ihre musikalische hervor und nennt sie
„sichtbar gemachte Musik", ein recht treffender
Ausdruck meines Erachtens. Einig sind beide in
der hohen Wertschäßung dieser Kunst. Heinse
glaubt, sie übertreffe noch die Malerei an Wir-
kung, und Herder sieht in ihr gar eine „Verei-
nigung alles Schönen". So dachten also zwei
führende Geister der deutschen Aufklärungszeit.

Wir können diese Überschäßung der Tanz-
kunst nicht billigen. Sicherlich unterliegt sie der
Malerei, weil ihre Ausdrucksmöglichkeiten zu be-
schränkt sind, . und eine „Vereinigung alles
Schönen" ist sie nun einmal in keiner Weise.
Aber ohne Zweifel kann sie doch die Quellen
wahrsten Kunstgenusses bilden, uns Stunden voll
eigenartiger Schönheit spenden. Dies wird wohl
jeder gern zugeben, der die Anfänge einer modernen
Reform dieser Kunst sah.

Den Beginn machte die Saharet, jene Künst-
lerin, die vor etlichen Jahren Münchens Künst-
lerschaft ineinenTaumel der Begeisterung verseßte,
weil sie dank ihres überschäumenden Tempera-
ments - man nannte sie einen tanzenden Urwald
— die Dogmen der hohenTanzschule einfach durch-
brach, und weil ein Hauch starken, frischen Lebens

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