Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 23.1908

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Wilhelm Michel—München:

DAS DEUTSCHE VOLK UND SEINE KÜNSTLER.

ZU DEN REICHSTAGS-BILDERN VON ANGELO JANK.

Was den Künstler an ein bestimmtes
Volk bindet, ist nicht Willkür, sondern
Geburt, nicht freie Wahl, sondern Berufung,
gegen die kein Wehren gilt. Die Künstler
sind die erblichen Wortführer ihres Volkes.
Sie erscheinen von ihm beauftragt, sie sollen
allem Dunklen, das im Volke schläft, sicht-
bare Gestalt geben.

Ich denke, man kann diese Definition
akzeptieren. Sie stimmt sicherlich für alle
Zeiten, die hinter uns liegen. In der Gegen-
wart, gemessen an einer Reihe von Vorkomm-
nissen, von denen ich gleich reden werde,
wirkt sie fast lächerlich.

Wir erleben es allzuhäufig, daß der Man-
dant seinen erwählten Mandatar zum Lohne
für die Ausführung seines Auftrages auf die
Finger schlägt, ihn bloßstellt und auf alle
Weise im Stiche läßt. Und das alles nicht
deshalb, weil er etwa den Auftrag schlecht
ausführt — gerade diejenigen, die sich an

der Heiligkeit des Auftrages in der gemeinsten
Weise versündigen, erfreuen sich der Geneigt-
heit des Auftraggebers im reichsten Maße.
Sondern deshalb, weil der Auftraggeber selbst
keine Ahnung von Art und Bedeutung seines
Auftrages hat. Das Volk weiß nicht, was
es vom Künstler erbittet. Erhält es, worum
es gebeten hat, so kann es das nicht als
das Gewünschte erkennen, es schmollt und
grollt und lohnt der schenkenden Hand mit
Rutenstreichen.

Ohne Bild gesprochen: Das Volk hat wohl
ein Bedürfnis nach Kunst, aber es hat, von
wenigen Ausnahmen abgesehen, keine Ahnung,
was Kunst ist. Gibt ihm der Künstler Steine
statt Brot, dann ist es erfreut. Gibt er ihm
Brot, dann wirft es dasselbe in den Schmutz
wie einen wertlosen Kiesel.

Ich gestehe für meine Person ganz offen,
daß ich, in den gegenwärtigen Zeitläuften,
der Frage »Kunst und Volk« ganz pessi-

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