Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 23.1908

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Hans von . xre'es.

gegenwärtigen Moment zu denken braucht.
— Dabei aber nichts, was an Naturalismus
auch nur von ferne erinnerte. Das sorg-
fältigste , unermüdlichste Naturstudium, ein
persönliches Sich-Aneignen, ein Auswendig-
wissen der sichtbaren Welt, soweit sie in
seinen Bildern zur Erscheinung kam — aber
das Bild, das Kunstwerk durchaus ein Produkt
der schöpferischen frei erfindenden und ge-
staltenden Phantasie. Jeder Zufall ist ausge-
schlossen, jede Einzelheit notwendig, bedingt,
ihrerseits bedingend, in das Spiel der Massen
und Räume einbezogen und eingeordnet.

Wohl mußte ein Mann einsam sein, der
in einer Zeit, da die meisten Maler anderen
Problemen, im Vergleiche mit den angedeu-
teten solchen untergeordneter Art sich wid-
meten, um die Verwirklichung der höchsten
und strengsten Kunstforderungen rang. In-
zwischen ist das Bedürfnis nach großer, ganzer,

einheitlicher Kunst mächtig gewachsen und
wächst von Tag zu Tag mehr. Der lange
überwiegenden Lust am Momentanen und der
geistreichen Einzelheit tritt der Wille zum
Monumentalen und geschlossener Ganzheit
entgegen. Mögen die Künstler, die Marees
Erbe angetreten haben, die Früchte dieser
Sinnesänderung einernten und ihnen bei dem
Siege seiner Sache die Anerkennung ihres
eigenen Anteils an ihrer Aufnahme und Fort-
führung in jedem Sinne zuteil werden! Noch
viel bleibt hier zu wünschen und zu erwarten.

Über Marees eigenem Leben und Werk
jedoch schwebt der Gedanke, dem Schiller in
einem Briefe an Goethe einst Worte verlieh,
daß einen solchen Weg nur eingeschlagen zu
haben mehr bedeute, als jeden anderen zu
endigen. — Waldemar v. wasielewski.

£

Die Reproduktion der hier vorgeführten Gemälde erfolgte mit
freundlicher Genehmigung des Herrn G. von Marees in Halle a. S.

ZUM VERSTÄNDNIS DER KUNST VON HANS v. MAREES.

aus einem aufsatz von professor adolf von hildebrand.

So ausgesprochen Marees koloristischer Sinn
war, sah er doch in der Natur, in ihrem
direkten räumlichen und Formendasein ein
Problem, welches sich durch seine bisherige
Mal-Erfahrungen allein nicht lösen ließ. Der
unmittelbare eindringliche Eindruck des gegen-
ständlichen Vorhandenseins der Natur mußte
noch auf etwas anderem beruhen, als nur auf
den subtilen Unterschieden der Tonwerte.
Wenn vielfach die Formenwelt eine einseitige
Entwicklung erlebt hatte, wobei die Farbe das
Stiefkind blieb, so mußte es sich jetzt darum
handeln, das Geheimnis des räumlichen und
Formenzusammenhanges in der Natur wieder
zu entdecken, das an der Farbenwelt mit
produziert und den direkten Natureindruck in
seinem Gesamtwert hervorruft. Es handelte
sich also nicht um eine mehr oder minder
glückliche Verbindung von Form und Farbe,
um eine sogenannte Vollendung nach bei-
den Seiten hin, sondern um das beiden Ge-
meinsame, um einen Bildaufbau, der Beides als
Eines gibt, wie in der Natur. Dieses Gemein-
same erkannte Marees in der Bildkonstellation.
Die Gegenstände der Natur mußten so zu-
sammen stehen, daß in ihrer Anordnung schon
alle Bedingungen für die eindringlichste
Wirkung als Form- und Farbenexistenz gegeben
sind. Die Konstellation der Naturgegenstände

ist der Kern, der Ausgangspunkt der letzten
Gesamtwirkung. Wir sehen, wie Marees
dabei auf die primitivsten Naturgegenstände
zurückgreift: der menschliche Körper, das
Pferd, der Baum, der Boden, das Wasser,
der Himmel sind fast durchgängig die einzige
Gegenstandswelt, mit der er seine Bilder
aufbaut, das einzige Was; wie er sie aber
gegenüberstellt, anordnet — darin liegt seine
große Kunst — das Wie.

Seine Bilder sind immer neue Kon-
stellationen, immer neue Resultate seiner Ein-
sicht in die Geheimnisse der künstlerischen
Anordnung. Je größer die Tragweite der
Konstellation für die Wirkung, desto entbehr-
licher werden alle Details. Die Vollendung
des Bildes ist schon in der Anordnung ge-
geben, die sogenannte Ausführung würde nichts
Wesentliches dazu beitragen. Es ist dies
derselbe Fall wie bei den angehauenen Figuren
Michelangelos. In Marees Bildern stehen die
Gegenstände immer plastisch im Raum, das
Auge fühlt stets die kubische Tiefe, mehr als
bei den meisten anderen Malern — aber es
bleibt eine Tiefe der Illusion, des inneren
Auges — das Bild macht kein Loch in die
Wand, täuscht nicht das wirkliche Auge.

Die Überschneidungen, die Größenkon-
traste, die Zusammenfügungen der Pläne und

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