Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 23.1908

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Rudolf Klein—Berlin

Architekt carl witzman n—Wien. Speise-Zimmer in Vogelahorn.

Ausgeführt von j. Soulek—Wien.

VOM WESEN DER KÜNSTLERISCHEN BEGABUNG.

Die Frage von Genie und Talent ist so oft
aufgeworfen worden, sie soll hier nicht
im Speziellen behandelt, sie soll nur gestreift
werden. Zwei Ansichten stießen besonders heftig
aufeinander. Die von der Linken behaupteten:
Genie sei Fleiß, und zwar mit dem Neben-
gedanken, wohl jeder könne sich unter geeig-
neten Umständen auf seine Höhe schwingen;
die von der Rechten sahen in ihm den gott-
begnadeten Propheten. Und mit Recht. Wenn
auch die Verständigeren unter ihnen den Fleiß
des Genies nie außer Acht ließen. Und in der
Tat; es gibt keinen fleißigeren Arbeiter als das
Genie, bedarf kaum einer mehr des ausbilden-
den, zusammenhaltenden Fleißes als dieses.
Nur ist sein Fleiß von ganz anderer Art als
der des Talentes. Das Talent lernt durch
Fleiß, das Genie entwickelt sich durch
Fleiß; denn es kann im Grunde nichts lernen,

das nicht in ihm schlummre! Die Geistestätig-
keit ist bei ihm mehr als bei allen andern ein
Wiedererinnern! als ob es dies alles schon
in einem früheren Leben gewußt habe. Und
gerade in jungen Jahren empfindet es das über-
reiche Eindringen von außen leicht als störend,
als beunruhigend für sein dicht gedrängtes
inneres Werden; wie man schließlich durchweg
die Beobachtung machen kann, daß wahrhaft
produktive Menschen nicht so sehr das Be-
dürfnis haben, totes Wissen zu sammeln w:e
der Gelernte, der im letzten Grunde ein Un-
produktiver ist.

Was nun das Erkennen genialer Fähigkeiten
betrifft, so ist man leicht geneigt, die Stoffwahl
als Gradmesser anzusehen. Es hat dies etwas
für sich, denn die Sympathien sprechen für die
Anlage des Individuums. In der Hitze des
Wortstreites ließ ich gelegentlich die paradoxe

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