Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 23.1908

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ZWISCHENAKTS-GEDANKEN IM MÜNCHNER KÜNSTLER-THEATER.

Wenn diese Blätter in die Welt hinausgehen,
wird die Ausstellung „München 1908" an
ihrem Ende angelangt oder ihm wenigstens sehr
nahe gekommen sein und damit auch das Münchner
Künstler-Theater seine erste Saison hinter sich
haben. Man weiß heute noch nicht, ob diese
erste Saison zugleich die letjte sein wird, aber
wenn die Ausstellung als Ganzes einen vollen
und ehrlichen Erfolg bedeutet, so hat daran
sicherlich auch das Künstler-Theater seinen Teil.
Die starken Übertreibungen, all die geschmack-
losen Superlative, mit denen einige Münchner
Literaten den Ruhm der an der Isar vollbrachten
Geistestaten zu verkünden pflegen, entweder weil
sie nichts anderes kennen und darum aller Maß-
stäbe entbehren, oder weil sie höchstselbst irgend-
wie dazu gehören, haben allerdings auch solche
Leute verstimmen und abstoßen müssen, die das
horazische „nil admirari" nicht im Sinne eines
blasierten Naserümpfens über Alles und Jegliches
verstehen; aber der gute Gedanke, der den
Inszenierungen des Künstler-Theaters zugrunde

lag, ist wenn auch nicht ganz neu, doch un-
zweifelhaft so gut, daß er selbst durch diese
Extravaganzen der Lobhudelei und Lobsudelei
nicht verschüttet werden konnte. Und auch der
unklare Name, der eben nur als Name und keines-
wegs als erläuternde Bezeichnung gelten kann,
hat nicht eigentlich zu schaden vermocht; er
läßt sich ja zur Not wohl rechtfertigen, wenn
man als gegeben annimmt, daß man in München
unter Künstler nun einmal den bildenden Künstler
versteht und daß das Wesen der neuen Bühne
in dem Ersatj der modernen Dekorationsprotjerei
und ihrer gleißenden Unwahrheit durch eine
schlichte, einfache aber künstlerisch gedachte
und künstlerisch kontrollierte Ausstattung und
Inszenierung liegen soll.

Daraus geht auch hervor, daß das Künstler-
Theater als eine logische Konsequenz der Grund-
sätje und Bestrebungen anzusehen ist, die im
Laufe der letjten Jahrzehnte in der Welt der
Kunst und ganz speziell auf dem Gebiete der
angewandten Kunst zur Herrschaft gelangt sind.

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