Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 23.1908

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ZEHN GEBOTE FÜR BRAUTPAARE.

i.

So Ihr heiraten wollt, bedenket bei Zeiten die
Ausftattungsfrage Eurer Wohnung. Kaufet nicht
Möbel in den legten drei Wochen oder acht Tagen.
Benu^et die Brautzeit dazu, Euch auf den großen
Gebieten moderner Wohnungs-Ausftattungen um-
zufehen — es ift vielleicht das einzige Mal in Euerm
Leben, daß Ihr diefem Kulturgebiet fo nahe tretet.

11.

Denket daran, daß Euer künftiges Leben, daß
Glück, Behaglichkeit, Gemüt und Charakter ein
gut Teil abhängig ift von der Händigen Umgebung,
in der Ihr Jahr aus Jahr ein, Tag aus Tag ein leben
werdet. Euer Gelchmack fchafft Euer Mileu; Eure
Umgebung bildet oder verbildet aber auch Euern
Gefchmack. Ihr leid auch Euern Kindern verant-
wortlich für das Milieu, das Ihr ihnen bietet; ihr
Werden hängt von Eurer Wohnungskultur mehr
ab, als Ihr ermelfen könnt.

III.

Die Frau richte ihre Räume ein, der Mann die
feinen; es braucht nicht alles über einen Kamm
gelchoren zu fein. Es laflen (ich auch gemeinfame
Räume zugleich männlich charaktervoll und weiblich
traulich herrichten. — Ihr braucht Euch bei Streitig-
keiten nicht gleich zu entloben.

IV.

Streitet nicht, ob Ihr Euch »modern« oder »alt«
einrichten wollt. Es lafTen (ich fehr wohl zu alten
ererbten Stücken neue Ergänzungen Ichaffen. Kauft
aber nicht alten Kram dazu. Das Problem der
Zeit lautet: (ich nicht in alte fremde Stücke (etjen,
londern die Motive der alten erprobten Kultur
neu geltalten!

V.

Wenn Ihr die Summe für den Ankauf oder
die Beftellung der Möbel feltfetjet, vergebet nicht,
daß damit Eure Ausftattung nicht gemacht ift. Be-
(timmet für jedes Zimmer einen wenn auch kleinen
Betrag für Tapeten, Vorhänge und jene Dinge, die
den Raum und die Möbel ftücke in Farben und
Formen erft zufammenftimmen und das Ganze zu
einer künftlerifchen und wohnlichen edlen Einheit
machen.

VI.

Schafft Euch keinen Staatsfalon mit verdeckten
Repräfentationsmöbeln, Ichafft Euch Wohnräume.
Könnt Ihr Euch einen Salon leiden, ftimmt ihn fo,
daß Ihr Euch täglich darin feiertäglich fühlt; hocket
aber nicht eines Salons wegen im engen Wohnzimmer.

VII.

Das Schlafzimmer fei groß und luftig und hell.
Wohn- und Eßzimmer feien nicht übervoll an
Möbeln, Zierat, Nippes. Wenige gute Stücke im
ruhigen Einklang der Farben und Formen. Keine
finnlos gefammelten fremden nicht zugehörigen
Eckenfteher! — Kinderzimmer, Küche, Bad und
Mädchenzimmer verlangen nicht mindere Sorgfalt
als die Haupträume; vernachläffigt fie nicht, weil
(ie feiten jemand lieht!

vm.

Ein Tifch ift ein heiliges Gerät; er trägt Eltern
und Kindern und oft Generationen die tägliche
Speile. Das Bett ilt die Wiege Eurer Gefundheit.
Ein Schrank ill ein Kunftwerk der Kultur. Bedenket
danach, daß alle Möbel ihre gehaltvolle Form
haben mülfen, auf daß fie Euch und den Eurigen
lange etwas bedeuten.

IX.

Kaufet darum keine Fabrikware. Kaufet Euch
nicht ultramodeme oder pfeudomoderne lnnen-
Einrichtungen, die Euch zwar fein ericheinen, aber
doch ganz fremd find. Sprechet mit den Firmen
und Künftlern und lalfet Euch nach Euern Ge-
danken die Stücke machen. Gelchäft und Künftler
wollen folche Anregungen. Ihr follt in den Möbeln
wohnen, nicht jene.

X.

Wenn Ihr den Grundltock Eures Heimes habt,
die Möbel, die Teppiche, die Vorhänge, wenige
Bilder und Vafen, dann füget langfam hinzu, was
dem Ganzen noch Itarke Noten gibt, ein gutes
Bild, eine Plaftik, ein fonftiges Möbelltück. Wenn
Ihr Euch gut eingerichtet habt, werdet Ihr bald
merken, wie wenig fich in eine anfangs gut ge~
ftimmte Einrichtung nachtragen läßt. Darum legt
gleich das Nötige an und fpart lieber hinterher.

XL Und auch der Junggefelle und die Junggefellin mögen darnach ftreben,
in eigenen Möbeln zu wohnen, auf daß in Deutlchland der Brauch der
(chrecklichen gelchmack- und charakterlolen Mietswohnungen und »möblierten«
Zimmer auf das notwendigfte Maß belchränkt werde und (ich bald eine
neue Wohnungskultur mit felbftändigem Charakter ausbreite. Georg Mufchner.
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