Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 23.1908

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EINE MIET-WOHNUNG.

EINGERICHTET VON ARCHITEKT GUSTAV GOERKE—BERLIN.

Eine neue Generation rückt heran. Junge
Leute, die nichts mehr von den zerrei-
benden theoretischen und praktischen Kämpfen
wissen, in denen sich das ältere Geschlecht
der modernen deutschen Kunstgewerbler gegen
Stumpfheit undMißtrauen ringsum durchzusetzen
hatte. Die nicht mehr nötig haben, Kritik,
Behörden und Publikum von der Berechtigung
ihrer, neuen Zielen zugewandten Bestrebungen
lang und breit zu überzeugen, und die darum
auch in ihrer künstlerischen Tätigkeit von allem
Doktrinären undDogmatischen absehen können.
Sie laufen auch nicht mehr Gefahr, sich selbst
in ihrer Verachtung der gräulichen älteren
Konvention durch einen Schematismus der
neuen Form, die erst gebildet werden muß, zu
bestärken und zu beruhigen, sondern können
das von der reisigen Avantgarde in blutigen
Schlachten eroberte Arsenal von Formen,
Linien, dekorativen und koloristischen Ge-
danken, architektonischen und kunsthandwerk-
lichen Prinzipien, statischen und technischen
Kombinationsmöglichkeiten nach Gefallen

nutzen, um ihre persönliche Art zu entwickeln
und ihrer künstlerischen Phantasie freien Spiel-
raum zu schaffen. Sie brauchen sich nicht
mehr mit den Präliminarien der neuen Lebens-
kultur herumzuschlagen, sondern stehen bereits
auf festgemauertem Fundament. Wie in der
ersten Phase des hitzigen, aber siegreichen
Feldzugs, die jetzt hinter uns liegt, stellt auch
in dieser zweiten die deutsche Hauptstadt in
den Sandleldern des Nordens zum Heerbann
dieser Jugend, die nun an die Tür klopft, nur
ein kleines Kontingent. Noch immer ist alles
auf sporadisch auftretende Einzelerscheinungen
gestellt,denen ein sichtbarer äußerer, geschweige
denn innerer Zusammenhang fehlt.

Eine der trostreichsten dieser Einzel-
erscheinungen ist der junge Künstler, von
dessen letzter Arbeit hier einige Abbildungen
Proben geben: Gustav Goerke. Er »mar-
schiert«, wie die Pariser sagen, seit etwa vier
Jahren. Langsam und ohne Lärm; aber um so
sicherer und energischer. Goerke ist von
Hause aus ein Eckmann-Schüler, es fehlt ihm

^_GUSTAV GOERKE—BERLIN.

Miet-Wohnung Frl. H.~ Charlottenburg. Vorzimmer.

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