Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 39.1916-1917

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äSSOR EMANUEL V. SE1DL MÜNCHEN.

»UNTERE DIELE MIT KLICK IN DEN SALON«

DIE AUFGABEN DER MALEREI.

Der Laie wie der wildeste Expressionist, der
Sammler wie der Theoretiker, alle treten
der Malerei mit vorgefaßten Meinungen gegen-
über. Und das Unglück will, daß diese An-
sichten über Wesen und Aufgaben der Malerei
sich schnurstracks widersprechen. Dabei glaubt
noch e.n jeder für sich, die Aufgabe der Kunst
könne nur eine einzige und ungeteilte sein; wer
ihr diene, könne es nur in einem einzigen Sinne
tun, sonst sei er ein Ketzer, ein Verräter am hei-
ligen Geist der Kunst. Nirgends steht die Ver-
folgung Andersgläubiger so sehr im Schwünge,
wie auf künstlerischem Gebiete.

Der Glaube an die eine, unteilbare Kunst
ist nichts, als ein verhängnisvoller Irrtum. Der
Laie, der eine romantische Landschaft will, der
Expressionist, dem es auf verstiegene Flächen-
konstruktionen ankommt, sie haben beide recht.
£s gibt mehr als nur eine Sorte künstlerisch
berechtigter Malerei, es gibt deren mindestens
ein Dutzend. Wer soll den späteren Geschlech-
tern erzählen, wie das schöne deutsche Land

der Gegenwart aussah, wenn nicht eben unsere
Malerei? Doch nicht minder wichtig ist es, dar-
zustellen, wie das Weltbild von den Menschen
der Gegenwart aufgefaßt wurde, wie sich
unsere Ideen, Leidenschaften, Sehnsüchte im
Bild der Dinge spiegelten. Wer soll der Nach-
welt berichten, wie dieser Krieg, ein geschicht-
liches Ereignis größten Formats, war und wie
wir ihn sahen, wenn nicht der Maler? Daß
unsere Kriegsbilder so sehr ungenügend sind,
das rührt eben daher, daß die historische, die
berichterstattende Malerei in Acht und Bann
getan worden war, daß darum niemand sich
für solche Aufgaben vorbereitet hatte. Wer
kann heute so schlagfertig skizzieren wie Hoku-
shai? Die Tyrannei der problematischen Male-
rei, jenes Zweiges der Ausstellungsmalerei, der
die modischen Probleme bearbeitet, muß ge-
brochen werden. Ihre Verdienste um die Auf-
findung neuer Darstellungsweisen und neuer
Kunstwirkungen sollen durchaus nicht verkannt
werden. Aber das Experiment darf nicht allein
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