Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 39.1916-1917

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FRANZ MARC f

GEDÄCHTNIS-AUSSTELLUNG IN DER MÜNCHENER NEUEN SEZESSION.

VON DR. HANS HILDEBRANDT.

Deutlicher als diese Ausstellung fast des ge-
samten Lebenswerks, das einer der Besten,
Unersetzlichen hinterlassen hat, enthüllte kaum
je eine Ausstellung das Werden einer bedeu-
tenden Persönlichkeit wie die Entwicklung jener
Kunst, die Gegenwart — und vor allem Zu-
kunft ist. Sie umfaßt gegen 200 Ölgemälde,
Aquarelle, Holzschnitte, Zeichnungen, Studien
und eine Reihe von Skizzenbüchern.

Das Schaffen Franz Marcs, dem es nur ver-
gönnt war, ein Alter von 35 Jahren zu er-
reichen, setzt ein mit schlichten Bildnissen und
Naturstudien, vor allem nach Tieren. Sehr
eigenartig sind diese frühesten Arbeiten nicht,
die von der Schulung an der Münchener Aka-
demie erzählen. Allein die Bildnisse der Eltern
und des Bruders bezeugen die Innerlichkeit,
und die mit sorglichster Liebe ausgeführten
Naturstudien die Fähigkeit des Künstlers, ein-
zudringen in den Baugedanken eines Organis-
mus, die Formen groß zu sehen und jeder Tier-
gattung das Eigentümliche der durch ihr Kör-
pergefühl bedingten Bewegung abzulauschen.

Die umfangreicheren Bilder der Frühzeit hat
Marc vernichtet. Die ersten noch vorhandenen
Ölgemälde entstammen den Tagen der allge-
meinen Begeisterung für die Freilichtmalerei.
Sie wirken einfach licht. Ein sehr helles Grün
ist die einzige Farbe, die neben Weiß in feinen,
vielen Tönungen sich behauptet. Wieder tritt
der Mensch hinter Tier und Landschaft zurück.
Sehr bezeichnend für Marc, dessen Erkenntnis
vom künstlerisch Wesentlichen seinem Gestal-
tungsvermögen vorauseilte, ist die mehrfache
Darstellung eines Gerölls von großen, glatten
Steinen: Der Sinn für die Geschlossenheit der
Form, für rhythmische Wiederholung desselben
Formmotivs ist bereits wach.

Nun hebt das Tasten und Suchen an und
Jahr für Jahr zerbricht der Künstler eine der
Schalen, die den Kern seines Schöpfer-Ichs um-
hüllen. Eindrücken in Paris gehorchend, wo
die junge Generation sich an dem Vorbild Ce-
zannes, Van Goghs und Renoirs aufrichtet und
die rhythmische Kunst der Japaner verehrt,
übernimmt er gelegentlich die Technik Van
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