Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 39.1916-1917

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ERICH BUTTNER BERLIN.

GEMÄLDE «DIE LICHTENSTE1N-BRUCKE« 1913.

DIE SUGGESTION DER ANTIQUITÄT.

VON PAUL WESTHEIM.

Was der Philister an dem Künstler seiner
Zeit immer und vor allem verdammt, ist
das „Revolutionäre", das Aufbegehren gegen
eine in sich gefügte Welt. Er wird es nie ver-
stehen, daß die Kunst, wenn eine neue Zeit
kommt, aus dieser Zeit heraus einen neuen,
lebendigen Gehalt zu gewinnen sucht. Immer
wird er der Meinung sein, daß die Kunst der
Alten noch längst für die Neuen gut genug sei,
daß es Veränderungssucht, Unbotmäßigkeit,
Modegier, frivoler Zynismus und dergleichen
Lasterhaftigkeit wäre, was diese „Neuerer"
immer wieder heraustreibe aus den Bahnen,
die sich sehr wohl doch bewährt hätten. Die
alten Meister, die von vor zwanzig, vor fünfzig,
vor hundert oder etlichen hundert Jahren zu
übertreffen, das sei von solchen Stürmern doch
wohl nicht anzunehmen. Der guten Kunst sei
in der Vergangenheit überhaupt so viel gemacht,

daß ein Bedürfnis nach mehr, ein Bedürfnis
nach anderem gar, nicht vorliege.

So ist es begreiflich, daß alles, was aus frü-
herer Zeit stammt, was in irgend einem Sinne
Antiquität ist, über die Maßen begehrt wird.
Echt antik, echt Renaissance, aus dem und dem
Jahrhundert zu so fabelhaftem Preis (fabelhaft
hoch oder fabelhaft niedrig) erstanden, das sind
ein paar der Koseworte, mit denen die künst-
lerisch gleichgültigsten, banalsten und lächer-
lichsten Dinge von ihren verzückten Erwerbern
gehätschelt zu werden pflegen. Es ist ganz
klar, daß sich in dieser Liebe zu Altertümern
gelegentlich ganz starke künstlerische Triebe
auswirken. Menschen von intensivster künst-
lerischer Erlebnisfähigkeit geben sich den
großen Meistern, den unerschöpflichen Ewig-
keitswerken hin und genießen dabei Wonnen
von unsagbarer Süße. Auch manche kleine

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