Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 39.1916-1917

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SICHTBARE SCHÖNHEIT ALS AUSDRUCK DER SEELENKULTUR.

UNSER VERHÄLTNIS ZU DEN SCHÖNEN DINGEN VON JOSEPH AUG. LUX.

Bleiben wir stets dessen eingedenk, daß der
künstlerische Geschmack der Ausdruck ver-
borgener Seelenkräfte ist, die in jeder Brust
ein eigenes Gesetz bilden. Wer da glaubt, die
Sache mit einfachen Regeln abzutun, ist schon
auf dem Holzweg. Die Tyrannei nüchterner
Rezepte undVorschriften, die für alle Menschen
oder für ein ganzes Volk bindend sein sollen,
führt direkt in die Erstarrung, in Kunstblind-
heit und hilflosen Manierismus. Hüten wir uns,
das Flügelroß schöpferischer Phantasie an die-
sen dürren Ast zu binden!

Unerschöpflichkeit der Erfindung, ewige
Wiedergeburt des edlen Geschmackes ist uns
gegeben, weil es etwas ist, das aus geheimnis-
vollen Seelentiefen kommt und dort von dem
Sternengesetz des Kosmos geleitet wird. In
diesem schöpferischen Urgrund der Seele voll-
zieht sich das Urbild des Schönen, die plato-
nische Idee, die Inspiration, die von der gestal-
tenden oder ordnenden Hand hernach in Sicht-
barkeit umgesetzt wird. Aber sie könnte nicht
greifbare Gestalt gewinnen in Holz, Stein, Me-
tall, Farbe oder Ton, wenn sie nicht vorher
schon als ein Seelisch-Geistiges vorhanden
wäre. Nicht der Intellekt oder die verstandes-
mäßige Alltagslogik ist schöpferisch; sie kann
höchstens Regeln und Rezepte verschreiben;
sondern jenes tiefere, individuelle Gefühl ist
produktiv, das jene Regeln und Rezepte immer

wieder durchbricht und umwirft und an Stelle
der Schulweisheit die überraschenden Taten
des Genius setzt.

Die Geistform, im dunklen Seelenbereich
entstanden, ist früher da als die sichtbare
materielle Form. Wie schön spricht der Dichter
Eichendorff von den heimlichen Liedern, die in
allen Dingen schlummern und wie richtig redet
der Orientale von dem Geist des Tisches oder
von dem Geist jeglichen gefertigten Dinges, wie
er auch von dem Geist des Baumes oder des
Felsens redet. Erinnern wir uns, daß auch unser
Naturempfinden um die Seele des Baumes, um
die Dryaden weiß, um den Geist über den
Wassern, um den Erlkönig usw.

Unser seelisches Verhältnis zu den Dingen
beruht darauf, daß diese Dinge ursprünglich
geistig vorhanden waren, und daß somit der
Geist an ihnen es ist, der ihnen erst ihr Dasein
in dieser Welt und ihr individuelles Leben gibt.
Wenn man das erkannt hat, ist man mit den
Gegenständen seiner Wahl innerlich verknüpft.
Sie sind beseelt, weil sie aus den Händen
eines Verfertigers hervorgingen, der sie aus
seiner Seele geschöpft, und ihnen mithin etwas
von seinem inneren Wesen und eine Ahnung
des göttlichen Gesetzes mitgegeben hat. Wenn
man in dem Verfertiger außerdem eine beson-
dere Künstlerindividualität verehrt, die ihre
innere Eigenart in dem Werk seiner Hände
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