Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 39.1916-1917

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GROSSHERZOG ERNST LUDWIG

ALS WECKER UND FÖRDERER KÜNSTLERISCHER BESTREBUNGEN.

ANLÄSSLICH DES 25 JÄHRIGEN REGIERUNGS-JUBILÄUMS. 13. MÄRZ 1917.

Was wußte man in Deutschland bis zum Schlug des neunzehnten Jahrhunderts
von Darmstadt? Mit Ausnahme des ehemals befestigten Stadtschlosses waren
bedeutsame Bauten nicht vorhanden, und das Wahrzeichen der Stadt, die Ludwigssäule,
eine Nachbildung der Pariser Vendöme-Säule, trug durch das Mißverhältnis ihrer Maße
zu der Bedeutung des braven Fürsten, dessen Kolossalstandbild sie krönte, eher noch
dazu bei, den Eindruck behäbig-eigensinniger Biedermeierbeschränktheit zu verstärken,
der dem Begriff „Darmstadt" anhaftete. Die schöne, wahrhaft großstädtisch gedachte
via triumphalis vom Walde zum Schloß, die Rheinstraße, erlangte zwar in ganz
Deutschland eine Spezialberühmtheit — aber nicht ihrer Großartigkeit, sondern ihrer
Verlassenheit wegen. Die Residenz am Großen Woog führte tatsächlich zwischen
den machtvoll aufstrebenden Handels- und Industriestädten Frankfurt und Mannheim
und den durch ihre Altertümer und Naturschönheiten weltberühmten Städten Heidelberg,
Mainz und Worms ein mehr als bescheidenes Dasein. Es stritt sich mit Karlsruhe
um den Preis der Langweiligkeit und mit noch viel kleineren Residenzstädten um
den Preis spießbürgerlicher Verschlafenheit. Wohl hatten sich unter den Landgrafen
und ersten Großherzögen einige mit Erfolg bemüht, hervorragende Künstler in ihrer
Residenz heimisch zu machen; aber die Bemühungen dieser vereinzelten Persönlich-
keiten hatten niemals lange nachgewirkt. Einzig das Hoftheater besaß seit den Zeiten
Ludwigs I. eine gute Überlieferung, die seinen Ehrgeiz dermaßen anspornte, daß es
in den siebziger Jahren durch die prunkvollen Ausstattungskünste des berühmten
Maschinenmeisters Brand großes Ansehen in der deutschen Theaterwelt gewann.

Der junge Großherzog Ernst Ludwig trat im Jahre 1892 die Regierung an mit
dem festen Vorsatj, sein Hessenland von der Residenz aus künstlerisch zu befruchten.
Auch wenn seine Wesensart, die ihn selber zur schöpferischen Betätigung von allerlei
künstlerischen Liebhabereien drängte, ihm nicht den Weg zur Kunst gewiesen hätte,
so würde ihn doch kühl kluge Erwägung darauf hingeführt haben, das an Mineral-
schät3en und anderen Rohprodukten nicht reiche Land von dem aussichtslosen Wett-
bewerb mit den deutschen Industriegegenden abzuhalten und dafür lieber die in der
Volksart liegenden künstlerischen Instinkte zu entwickeln. Es kann wohl kein Zufall

XX. März 1917. 1
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