Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 39.1916-1917

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ZUM 60. GEBURTSTAG MAX KLINGER.

l8. februar 191 7.

Um Bergesgipfel herrscht Stille. Größe ver-
einsamt. Trotz Freundschaft und Frauen-
gunst ist Max Klinger inmitten seines Ruhmes
ein Einsamer. Schon seine Art des Sprechens,
das langsame, mühevolle Hervorstoßen der
Worte verrät es; allein die Stille um ihn wird
erfüllt von eigenstem Leben, von stets wech-
selnden Gesichten seiner Phantasie. Äußerlich
einsam, innerlich voller Gestalt, lebt Klinger
allein seinem Werke. Wer sein Haus betritt,
das fern allem Getriebe der Großstadt tief in
einem Garten zurückliegt, bemerkt bald zu
seiner Überraschung: Hier waltet kein Künstler
umgeben vom Zierat des Lebens, hier herrscht
die Arbeit. Den Vorraum füllen fast bis zur
Hälfte hohe Bücherschränke. Die Namen der
antiken und deutschen Klassiker leuchten uns
entgegen, aber auch Schopenhauer, Nietzsche,
Dehmel, Hauptmann lesen wir im Vorüber-
schreiten. Den Schmuck des großen Zimmers
bilden die eigenen Radierungen des Meisters
und einige Werke seinem Schaffen verwandter
Künstler. Drei Böcklins, ein paar prachtvolle
Zeichnungen Menzels entdecken wir neben
einigen kostbaren Torsen der Blütezeit der
Antike. Die große Halle, nach der Elster zu
gelegen, die wir nun betreten, ist seine Arbeits-
stätte. Das helle Tageslicht spielt über Mar-
morblöcke, an denen der Künstler soeben ge-
schaffen, über Studien seiner früheren Werke.
Nahe dem Fenster steht ein Tisch mit dem
Werkzeug des Radierers, die Mitte aber des
Raumes beherrscht ein Flügel, über den im
Durcheinander Notenblätter liegen. Im Vor-
übergehen erhaschen wir die Namen Brahms,
Mendelssohn. Doch in den letzten Jahren sind
die schönsten Werke nicht hier empfangen wor-
den, wo sie der Vollendung entgegen reifen;
vor den Toren von Naumburg auf einem Wein-
berg hat sich der Künstler ein Tuskulum ge-
schaffen. In diesem entlegenen Winkel nahte
ihm die Muse, hier wurden die ersten Skizzen
zu allen Werken der letzten Jahre entworfen,
hier entstand der letzte große Zyklus seiner
Radierkunst „Das Zelt".

Die Geschehnisse dieses nach Außen so
schlichten Künstlerlebens sind schnell umrissen.
In Leipzig wurde der Künstler am 18. Februar
1857 geboren. Künstlerische Eigenschaften des
Vaters, angenehme äußere Verhältnisse gestat-

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teten dem Frühbegabten seine Neigungen zu
entfalten. Die gute Schulbildung des Thomas-
gymnasiums legte den Grund für eine weltum-
fassende Allgemeinbildung. DieTraditon dieser
Schule führte ihn auch von Jugend an zur
Musik. Nach vorübergehendem Aufenthalt in
Karlsruhe (1873) folgte Klinger seinem Lehrer
Gussow, dessen er heute noch in Dankbar-
keit gedenkt, nach Berlin (1875). Nach kur-
zem Verweilen in Brüssel (1879) zog es
ihn nach München (1880). Nach einigen Ber-
liner Jahren, in denen Klinger den Mittelpunkt
eines Kreises junger Mitstrebenden bildete
(1886—1889), schloß ein Aufenthalt in Rom
(1889 — 1893) seine Wander- und Lehrjahre.
Hier im Süden fand er, ein echter Deutscher,
die volle Entfaltung seiner eigensten Art. Sein
Atelier, das nach ihm Otto Greiner bis zum
Wellkrieg zu eigen hatte, ließ ihn das ge-
schlossene Bild der ewigen Stadt genießen. In
Licht und Luft des Südens erhält alles ge-
schlossene Form. Hier wurde Klinger auch zum
Plastiker. Seit 1893 lebt der Meister in seiner
Heimatstadt, aus der ihn kein noch so günstiges
Angebot fortlockte; nur für Reisen nach Grie-
chenland, Spanien und Italien verließ er sie
vorübergehend.

Seine Werke, Aufsehen erregend seit seinen
frühesten Schöpfungen der Radiernadtl und des
Pinsels, sind allen, denen die Kunst im Zeitalter
der Technik nicht fremd geworden ist, wohl
bekannt. In reichen Formen suchte das über-
quellende Innenleben nach Ausdruck, und zur
Verkündigung seiner Kunst und Art hat er
selbst zur Feder gegriffen. Heut bedarf es dessen
nicht mehr. Der Radierer, Maler und Plastiker
Max Klinger zählt zu den Großen unserer Zeit,
wird in seinen Werken für alle Zeit leben.

Jetzt, da der Meister vom Gipfel seines
Lebens den Abstieg beginnt, da er die reiche
Ernte seines Schaffens birgt, dürfen wir in
Dankbarkeit ihm den Lorbeer reichen. Dem
Menschen Klinger aber spendet rote Rosen,
die blühenden Blumen des Lebens, die Blumen,
die bei Gelagen der Freundschaft und der Liebe
duften. Laßt es den Einsamen fühlen und durch
die Blume lehrt ihn verstehen, wie nahe er uns
trat, wie nur eines verhinderte, daß alle die
Liebe ihn erreichte, — seine Größe als Künstler,
als Mensch..... dr. Robert corwegh-Leipzig.

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