Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 67.1930-1931

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Kunst und Handwerk

seiner Arbeit künstlerische Werte zugeteilt; die
Uhr, die Truhe wurde in die Kategorie der
künstlerischen Gebilde eingereiht. Vom Können
her erhielt die Kunst einen neuen Sinn, der in
dem Satz gipfelte, Kunst kommt von Können
her. Aber nur das Handwerk kommt von
Können her; Kunst kommt von Sein her, von
der Seele her. Die handwerklich virtuoseste
Malerei ist ohne künstlerischen, d. h. seelischen
Wert; talentlos wirkende Plumpheiten eines
Genies, das beginnt, können eine Welt aufreißen.

Durch eine grundlegende Verwechslung
zweier nur bedingt miteinander verbundener
Tätigkeiten und Schaffensarten schob man
zwischen Handwerk und Kunst ein neues
Zwischenreich, das Kunstgewerbe, das Gropius
einmal „eine Art Zwischenreich des Intellek-
tuellen" genannt hat.

Welche Beziehungen und Unterschiede be-
stehen zwischen Handwerk und Kunst? . Für
beide Tätigkeiten ist das Können, das Hand-
werk die unentbehrliche Grundlage. Aber:
der Tischler, der auf Bestellung eine Truhe
macht, übernimmt eine fremde Vorstellung;
der Künstler schafft aus dem individuellen Er-
lebnis. Zwanzig in den Maßen bestellte Truhen
werden sich, von zwanzig verschiedenen Hand-
werkern gemacht, ziemlich gleichen. Zwanzig

Darstellungen derselben Landschaft, von zwan-
zig verschiedenen Künstlern ausgeführt, werden
untereinander höchst verschieden sein.

Der Handwerker schafft etwas Wirkliches,
der Künstler gibt eine Deutung der Wirklichkeit.
Der Arbeitsprozeß des Handwerkes verläuft
im Rationalen; er kann sein Handwerk üben,
es verfeinern, ohne innerlich beteiligt zu sein.

Der Künstler kann nicht sein Handwerk unbe-
teiligt üben; je mehr er es tut, je virtuoser er
es beherrscht, umso größer ist die Gefahr, daß
es nicht mehr Selbstverwirklichung und Formung
gelebten Lebens bleibt, sondern zur seelenlosen
Reproduktion hinabsinkt. Der jeweilige Quell-
punkt des Produktiven liegt immer im (momentan)
Unbewußten. Vom eigentlichen Produktiven ist
niemand Herr, und sie müssen es alle nur so ge-
währen lassen, sagt Goethe. Auch der Künstler
ist in einem gewissen Sinn Handwerker, aber
in dem Augenblick, wo der Maler, der Bildhauer
beginnt, Künstler zu werden, wächst er über
das reine Handwerk hinaus.

Die eingangs erwähnte These, vom Handwerk
aus eine Reform der künstlerischen Ausbildung
erwirken zu können, beruht auf unklaren Vor-
stellungen des Begriffes Handwerk. Und ebenso
beruht auch die Auffassung von der Lehrbar-
keit der Kunst auf demselben Irrtum.
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