Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 67.1930-1931

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DIE NOT DER KÜNSTLER

EIN BRTEF DES PREUSSISCHEN KULTUSMINISTERS

Die wirtschaftliche Bedrängnis der bildenden
Künstler hat heute Formen angenommen,
die man früher nie für möglich gehalten hätte.
Sie ist veranlaßt durch eine ganze Reihe von Um-
ständen teils rein materieller, teils mehr geistiger
Art. Die Verarmung vieler Kreise des Mittel-
standes, der verschärfte Existenzkampf in den
Reihen des Unternehmertums, der auf allen
öffentlichen Körperschaften (Reich, Staat, Ge-
meinden) lastende Sparzwang, die Abwanderung
des Interesses zu Sport, Film und dergl., die
ständig vordringende Haltung der technischen
Form,die ablehnende Stellung manchermoderner
Architekturströmungen zur Kunst, die einseitige
Bevorzugung alter Kunst in Sammlerkreisen —
all dies wirkt konzentrisch zusammen und legt
auf die gesamte Künstlerschaft einen beispiel-
losen Druck. Die breite Öffentlichkeit hat wenig
Ahnung von den Tragödien, die in den Ateliers
vorgehen, von dem Leiden unter Hunger, Ver-
zweiflung, Lähmung der Schaffenskraft, das das
Leben vieler Künstler — und nicht etwa nur
der Jungen und Namenlosen — vergällt. Wer
einen Begriff davon hat, was die Kunst im geisti-
gen Haushalt eines Volkes bedeutet, wird diese
Lage nur mit höchster Sorge betrachten können.
So schwer es nämlich sein mag, für einzelne
Kunstleistungen eine „Unentbehrlichkeit" nach-
zuweisen, so unmöglich kann auf der anderen
Seite bestritten werden, daß innerhalb einer
Volkskultur das Kunstschaffen als Lebens-
funktion eine Notwendigkeit ist. Der einzelne
Mensch mag sich eine Zeitlang ohne Kunst be-
helfen können. Aber eine Volkskultur, in der
nicht die Kräfte der Kunst lebendig wirken,

ist ein widernatürlich verstümmeltes Gebilde.
*

Es ist daher zu begrüßen, daß jetzt im Interesse
der Kunst von prominenter Stelle ernste Worte
der Mahnung, verbunden mit konkreten An-
weisungen an eine Reihe behördlicher Instanzen
ergangen sind. Der preußische Kultusminister
Grimme hat an sämtliche preußische Staats-
minister, ferner an den Reichsminister des Innern,
an sämtliche Oberpräsidenten, an den Berliner
Magistrat, den preußischen Städte- und Land-
kreistag das folgende Schreiben gerichtet:

„Von der Not der Zeit sind die bildenden
Künstler ganz besonders hart getroffen worden.
Die wirtschaftliche Lage vieler, auch sehr nam-
hafter Künstler, ist überaus traurig. Vor allem
droht dieser Zustand auf die Dauer einen wich-

tigen und wertvollen Teil unseres Kulturlebens
zum Erliegen zu bringen. Die Akademie der
Künste und viele Künstlerverbände haben unter
Schilderung derVerhältnisse gebeten, den Künst-
lern in stärkerem Maße staatliche Unterstützung
zu gewähren. Ich bin bemüht, durch Auf tra gs-
erteilungen, durch Ankäufe und Unter-
stützungen zu helfen, aber bei der Knappheit
der mir zur Verfügung stehenden Mittel ist diese
Hilfe bei weitem nicht ausreichend.

Ich darf daher an alle Herren Staats-
minister die dringende Bitte richten,
auch in Ihrem Geschäftsbereich nach Möglich-
keit die Künstler zu fördern. Ich wäre dankbar,
wenn insbesondere geprüft werden könnte, ob
nicht mehr als bisher für staatliche Aner-
kennungen, Preise, Geschenke und dergleichen
die Form der Verleihung von Werken der
Bildhauerkunst, der Malerei oder der Graphik
gewähltwerden kann. Auch durchHeranziehung
zur künstlerischen Ausschmückung von
öffentlichen Gebäuden und Räumen
kann den Künstlern wirksam geholfen werden.

Ich bin gern bereit, unter Beteiligung der
Preußischen Akademie der Künste als der zur
Begutachtung von Kunstfragen berufenen Staats-
behörde, allen Ressorts sachdienlichen Rat zu
erteilen und für den einzelnen Fall geeignete
Künstler zu benennen".

*

Wir möchten zu diesem Schreiben bemerken,
daß es schon in seinem grundsätzlichen Bekennt-
nis zur Kunst eine große Bedeutung hat. Denn
die Gleichgültigkeit gegen die Kunst und ihre
Pflege hat sich in den Kreisen der Höheren
Behörden und der Volksvertretungen schon so
sehr ausgebreitet, daß man eine deutliche Be-
kundung gegenteiliger Gesinnung von so wich-
tiger Seite aus nur herzlich begrüßen kann.

Wir möchten aber darüber hinaus wünschen,
daß sich Männer finden werden — besonders
in den Kreisen des Bürgertums, der Industrie
und des Handels — die die gleichen Gesinnungen
vertreten und sie imVolke zur Herrschaftbringen.
Kultur eines Volkes ist nicht eine feste, ruhende
Sache, sondern sie besteht in einem lebendigen
Tun, in einem ständigen Zusammenarb eiten Aller.
Zu dieser Zusammenarbeit müssen die Menschen
heute wieder aufgerufen werden. Der Augen-
blick ist mit Sorgen beladen. Aber wir wollen
darüber nicht die Zukunft und die nachwach-
senden Geschlechter vergessen. ... die schr.

XXXIV. März 1931. 8*
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