Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 67.1930-1931

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ALLGEMEINGÜLTIGKEIT DER KUNST IST NICHT NEUTRALITÄT

Die Kunst ist in keinem Sinne neutral — und
doch ist sie allgemeingültig. Sie ist weder
weltanschaulich neutral — denn jedes Kunst-
werk wurzelt notwendig in einer bestimmten
Weltanschauung und trägt diese mit aller ihm
möglichen Kraft vor — noch ist sie neutral in
nationaler Hinsicht — denn jedes Kunstwerk
geht aus einem bestimmten Volkstum hervor
und vertritt dessen Geist. Und doch ist die
Kunst allgemeingültig, Jeden betreffend und
ansprechend, weil uns nicht nur das Eigene,
sondern auch das Fremde angeht.

Man erinnert sich, daß die impressionistische
Zeit anders zu dieser Frage stand. Sie behaup-
tete die Neutralität der Kunst und stützte da-
rauf ihre Allgemeingültigkeit. Sie sagte: die

Kunst ist international — und sie verstand dies
so, daß in der Kunst das Nationale nicht zum
Vorschein, nicht zur Geltung komme. Sie sagte:
die Kunst steht über den verschiedenen Welt-
anschauungen — und sie verstand dies so, daß
ein bestimmtes Glauben und Meinen im Kunst-
werk keine Rolle spiele, jedenfalls nichts darin
verloren habe. Nichts von alledem ist richtig.
Wir wissen heute: alle echten Unterschieden-
heiten der Menschen nach Geist und Geblüt
wirken sich im Kunstwerk mit dem größten
Nachdruck aus — aber gerade weil dies der
Fall ist, hat Kunst Jedem etwas zu sagen —
ist jedes Kunstwerk eine Botschaft aus der wei-
ten, großen Welt, in deren Leben wir hinein-
gestellt sind, um etwas Eigenes zu sein. w. m.
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