Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 67.1930-1931

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KINDLICHES UND KÜNSTLERISCHES SCHAFFEN

Im Geheimnis des Ursprunges formender Kräfte,
in derMitteilung und bildnerischen Gestaltung
eines inneren Erlebnisvorganges werden selt-
same Beziehungen zwischen der Welt des
schöpferischen Kindes und der Welt des er-
wachsenen Künstlers offenbar. Haben wir darum
ein Recht, von „Kinderkunst" zu sprechen?

Das Schaffen des Kindes, d. h. sein Zeichnen,
Modellieren, Bauen, ist — solange es nicht durch
Imitationsgelüste und bewußte Seheindrücke ab-
gelenkt wird — ganz elementare begriffliche
Formulierung, unorganisierte Mitteilung an das
Material; mehr instinktiv gespielt als gestaltet,
von keinem Wissen um Beziehungsnotwendig-
keiten kontrolliert und kritisiert. Aber seine
Substanz ersteht unter dem Willen der Hand
aus Formlosigkeit zu einem geformten Etwas,
ist also Schöpfung von sinnlicher Beständigkeit.
Darum die Freude des Kindes am Formen, da-
rum dieser es ganz beherrschende Spieltrieb.

Zu dieser Niederschrift eines Begriffes auf
elementarster Stufe (Haus, Baum, Mann usw.)
tritt dann mit zunehmender Entwicklung des ge-
danklichen Vermögens, der kombinierenden und
dichtenden Phantasiekräfte die rein gedankliche
„Komposition "etwa als Sinnbild einer Erzählung
oder einer lyrischen Vorstellung. Alle Bild-
elemente bleiben rein gedanklich empfunden,
mehr gedacht als gesehen und jede Rücksicht
auf proportionale Entsprechungen oder räumlich-
dreidimensionale Entwicklungen ist unbekannt.

Dieses mitteilende, aussprechende, in freu-
digem Ausleben hingebreitete Schaffen des
Kindes ist naiv in jenem köstlichen Sinne reiner
Wesenheit, wie sie dem Kinde nicht lange be-
schieden ist. Es ist noch das ganze, ursprüng-
liche, unbeeindruckte Kind darin, sozusagen ein
Lebensgefühl an sich. Man kann hiervon auch
dann noch sprechen, wenn in den geformten
Entäußerungen des Kindes die verarbeiteten
Außenweltseindrücke und die ersten An-
regungen durch gesehene Vorbilder schon deut-
lich zu spüren sind. Oder wenn sich gefühls-
mäßige Reaktionen auf die Farbe einstellen.

Doch beginnt hier bereits die unbegriffene
Berührung der absoluten Innenwelt mit der
interessiert und wach aufgenommenen Welt der
sichtbaren Dinge. Das Kind bildet wohl alle
Gegenstände nach seinem geschärften Wissen
und Sehen, aber dieses Sehen kontrolliert erst
ganz allmählich und verhältnismäßig spät —
und meist unter dem Einfluß von Erwachsenen
— die räumliche Korrektheit der Niederschrift

an den Bewußtseinsvorstellungen, die das Kind
in der Wirklichkeit empfangen hat. Der Er-
wachsene nennt das „Zwiespalt zwischen Raum
und Fläche für das Gefühl". Der Erwachsene
aber konstruiert diesen Zwiespalt, der für das
Kind garnicht besteht und erst durch das Be-
obachten anderer bildlicher Darstellungen —
was meines Erachtens viel zu wenig Berück-
sichtigung findet — in sein primitives Empfinden
hineingetragen wird.

Und nun treibt das kindliche Sehen mit der
immer weiteren Einbeziehung des Lebens in die
Wirklichkeitsvorgänge und mit der immer mehr
an ihm arbeitenden Schulung der Erkenntnis-
und Denkkräfte einem ausgesprochen natura-
listischen Ziele zu, sofern nicht irgendwelche
Vorbilder von erwachsenen Künstlern eine ge-
schickte, anpassungsfähige Begabung stilistisch
beeinflussen oder auch eigene innere Kräfte zur
Formung eines inneren Weltbildes drängen.

Hier sind wir aber schon weit über die
Schwelle der rein kindlichen Empfindungswelt
hinweggeschritten und nähern uns bereits den
Problemen der künstlerischen Zeugung im Er-
wachsenen. Auch bei diesem handelt es sich
um die Realisation eines Lebensgefühles. Aber
dieses ist in einem für das kindliche Schaffen
völlig ausfallenden SinneWeltverhältnis, Klärung
und Ordnung der Dinge, Auseinandersetzung
und Begegnung mit Mensch, Welt, Gott; Orga-
nisation des eigenen Wesens, Spiegelung des
eigenen Seins, ursprünglich im Temperament
und zugleich diszipliniert im Geistigen.

Die schöpferische Welt des Kindes ist in
die selige Ahnungslosigkeit einer dichterischen
Weltvorstellung eingebettet. Die schöpferische
Welt des Künstlers erwächst aus dem Besitz
der Welt, aus dem Umspannen aller Dinge, aus
dem reaktiven Gefühl.

Zwischen beiden Welten steht trennend die
Zeit der Erkenntnis, die Zeit der erfahrungs-
mäßigen Eroberung der Wirklichkeiten: also die
entwicklungshafte Steigerung aller seelischen
und geistigen Kräfte während der Weltgewin-
nung mit dem Gehirn. Über diese Zeit hinweg
gibt es keine Brücke!

Hierin muß der fundamentale Unterschied
zwischen kindlichem und künstlerischem Schaf-
fen begriffen werden. Das Artgemeinsame tritt
dagegen stark zurück und behält nur einen sehr
bedingten Wert. Müßig, noch darüber zu strei-
ten, inwieweit das kindliche Formen „Kunst"
genannt werden darf. . . . dr. herbert hofmann.
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