Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 67.1930-1931

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WAGEN FÜR NAHVERKEHR

OSIERR. BUNDESBAHN

KUNST UND ZEITGENOSSE

Die Geschichte der Kunst ist imposant, wo
der Geschichtsschreiber die interne Ent-
wicklung der zeitlichen und überzeitlichen
Probleme herausarbeitet. Als Kulturgeschichte
wird sie Gefahr laufen zu erstarren, wenn nicht
die Erwiderung der Zeit auf ihre jeweilige Kunst
miteinbezogen wird in die Betrachtung. Neben
der Geschichte der Kunst läuft eine Geschichte
der Kunstgeltung. Und diese Kunstgeltung
fixiert sich in der Kunstkritik. Sie ist Sprach-
rohr der Publikumsmeinung. Was nicht aus-
schließt, daß sich das Publikum durch solch
ein Sprachrohr auch erziehen lassen kann. Die
junge Generation nicht nur der Schaffenden,
auch der Aufnehmenden, tritt jeweils mit radi-
kaler Stellungnahme auf den Plan. Bei den
Schaffenden ist diese Stellungnahme der Natur
der Dinge nach meist positiv. Bei den Aufneh-
menden mischt sich oft Pessimismus in den
Glauben. Mit dem Wachsen des Horizontes
wächst auch die Einsicht in die Relativität der
Dinge. Bejahung und Verneinung der jeweiligen
Kunst schmelzen in eine verstehende Duldung

und Bescheidung zusammen, die dankbar das
Gute der Zeitproduktion anerkennt, die Hem-
mungen in Rechnung stellt und die Hoffnung
auf bessere Zeiten nicht sinken läßt.

Ja, diese letztere Haltung ist eigentlich die
durchgängige in all diesen Urteilen von Zeit-
genossen über ihre Kunst. Nicht viele Zeiten
pochten so selbstbewußt auf ihre Kunst wie die
klassische des Altertums, wie die Renaissance
Italiens. Viel öfter werden die Zweifel am gleich-
zeitigen Schaffen laut und die großen Vorbilder
der „Alten" werden als Muster hingestellt.
Neben solche Klagen über die Leistungen des
Zeitalters treten aber meist Erklärungen, warum
das betreffende Zeitalter keine ganz große
Kunst schaffen könne. Und diese Klagen, die
meist in Hoffnung auf Besserung ausklingen,
bleiben sich durch die Jahrhunderte so gleich,
ja, ähneln auch den heute gehörten so sehr,
daß man erstaunt auch hier das „Alles schon
dagewesen" als tiefste Einsicht gelten lassen
möchte. Wir bringen zwei Urteile des großen
Kunsthistorikers Anton Heinrich Springer aus

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