Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 67.1930-1931

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GEORG KARS—PARIS

GEMÄLDE »STILLEBEN« 1929

VOM SINN DER „AUSSTELLUNG"

VON DR. OSKAR SCHÜRER

Ein trauriges Kapitel, diese Kunstausstell-
ungen in der Gegenwart. Und wahrlich schon
zur Genüge beklagt und bis zum Überdruß ab-
gewandelt. Immer wieder hört man: Es ist zu
Ende mit dieser Institution. Man kommt nicht
auf seine Kosten. Der Künstler nicht, weil kein
Mensch mehr hingeht. Der Besucher nicht, weil
da zu viel Wertloses hängt, was nicht interessiert,
weil keinerlei Garantie gegeben ist für Wich-
tiges, was aus solch einer Ausstellung zu ge-
winnen wäre. Und — paradox! — mit der Ein-
sicht in den inneren und äußeren Zerfall der In-
stitution wachsen ihre Verwirklichungen ins
Gigantische, die Fülle überwuchert alle Möglich-
keit der Auswahl, der Bewältigung, des Erfolgs.

Was tun? Soll man mit dem Schlagwort
heulen: Die Zeit der Kunstausstellungen ist vor-
über! Sie töten die wahre Kunst! Soll man sich
resigniert abwenden vom falsch aufgezogenen
„Ausstellungsbetrieb", soll man alle Propa-
ganda nach außen beargwöhnen wie Tempel-
schändung? Wie aber, wenn einem doch Ge-
danken kommen von der Notwendigkeit solcher
Einrichtung. Von ihrer Notwendigkeit in ver-
schiedenster Beziehung. Einmal in der rein äußer-
lichen : daß die Ausstellung die einzige Gelegen-
heit für den Künstler bedeutet, sein Werk be-

kannt zu machen. Interessenten zu finden, und
— ganz plump aber doch so lebensnotwendig
gedacht — zu verkaufen. Das Gegenargument:
der wahrhaft bedeutende Künstler verkaufe
auch ohne Ausstellung! — gilt nur für den be-
kannten, für den „Star". Der noch unbekannte
ist auf Ausstellungen angewiesen, die ihn eben
bekannt machen. Ob er durch die Ausstellung
direkt verkauft, bleibe dahingestellt. Indirekt
bringt sie ihm eben doch Namen und auf dessen
Grundlage Käufer. Es sollen sogar noch Fälle
vorkommen, daß aus Liebhaberei gekauft wird,
einfach, weil einem dies oder jenes Bild gefällt.
Selten genug. Das heute noch kaufende Pub-
likum kauft N a m e n. Und Namen wachsen durch
Ausstellungen. Von diesem Gesichtspunkt aus
also sind Ausstellungen Existenzfragen für den
Künstler. Womit nicht gesagt sein soll, daß
durch Ökonomie der Ausstellungen, geistige
und materielle, diesen Existenzfragen des Künst-
lers nicht viel mehr geholfen werden könnte
als es durch die heutige Ausstellung geschieht.

Der zweite Gesichtspunkt, aus dem heraus
die Kunstausstellung für notwendig erkannt
werden muß, zielt viel tiefer. Er ist metaphy-
sischer Art: Kunst verlangt aus ihrem Wesen
heraus nach Geltung. Kunst kann nur erstehn,
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