Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 67.1930-1931

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RUTH SCHAUMANN—MÜNCHEN

»BEMALTER KUCHENTELLER«

ZUR KRISE DER KUNSTAUSSTELLUNGEN

Viele stehen heute skeptisch zu den großen
Kunstausstellungen. Man bestreitet ihnen
das Daseinsrecht, die förderliche Wirkung auf
Künstler und Beschauer. Man weist auf die
kläglich niedrige Zahl der Verkäufe hin und be-
hauptet, daß die großen Kunstausstellungen
nicht einmal den beabsichtigten wirtschaft-
lichen Zweck erreichen — gar nicht zu reden
davon, daß ihr Ertrag an künstlerischen Erleb-
nissen, ja die Erlebnisfähigkeit des Publi-
kums selbst, so gering geworden sind.

Man sollte über dieser Kritik, die in manchen
Punkten gerechtfertigt ist, einen sehr wichtigen
Umstand nicht vergessen. Mag auch der Kunst-
handel viele von den ehemaligen wirtschaftlichen
und sonstigen Funktionen der Kunstausstel-

lungen an sich gezogen haben: diesen letzteren
bleibt die hohe Bedeutung, Spiegel des Zeit-
geistes zu sein, wichtige und unentbehrliche
Information über die geistigen Strömungen der
Gegenwart, über ihre Antriebe und Begeiste-
rungen, ihre Verlegenheiten und Nöte. Man
prüfe sich selbst. Man frage sich nach dem
Durchwandern einer großen künstlerischen
Jahresschau, ob man nicht aus ihrem Guten wie
aus ihrem Schlechten und Fragwürdigen eine
ganze Menge gelernt hat, ob man nicht nachher
besser Bescheid weiß über das, was in den
Menschen um uns her lebt, als vorher. Jeder,
der ehrlich ist, muß diese Frage bejahen. Jedes
Kunstwerk ist doch eine bestimmte Meinungs-
äußerung, Bekundung einer Denkweise, einer
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