Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 67.1930-1931

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SCHERENSCHNITTE VON FRITZ GRIEBEL

Der traditionelle Scherenschnitt will nichts
anderes geben, als die strenge, im höch-
sten Sinn des Worts formale Silhouette. Die
Technik der Schere, scheint es, nötigt zu einem
stilistisch geschlossenen, beinahe ornament-
haften Bildvortrag. Der Gegenstand der Dar-
stellung hebt sich als reiner Umriß, durch die
unmittelbare Schwarzweißwirkung betont, ohne
viel Binnenlinien, prall, klar und scharfrandig
von der Unterlage ab. Deswegen faßt der
Künstler meist eine möglichst eindeutige Kon-
tur, schneidet also jene Pose aus, die für Form,
Bewegung und Ausdruck am schlichtesten cha-
rakteristisch ist. Notwendig verlieren die Dinge
dabei ihre volle räumlich-konkrete Körperlich-
keit; sie erscheinen wie Schatten an der Wand,
zweidimensional, ins Flächige projiziert. In der
Komposition ist eine andere Anordnung als die
des Neben- oder Übereinanders fast ausge-
schlossen. Der Verzicht auf Raum und Atmo-
sphäre, d. h. der Einsatz auf eine absolute Bild-
ebne bedingt, daß die Randlinien möglichst hart
und genau sein sollen, also nicht beschreiben,

andeuten oder schildern dürfen, sondern ab-
randen, trennen, begrenzen, festhalten müssen.

Die Scherenschnitte von Fritz Griebel-
Heroldsberg weichen durchaus von diesem
Kanon der strikten Silhouette ab. Griebel
schneidet keine ornamentalen Schattenrisse,
sondern richtige Raumbilder in Schwarzweiß.
Die Darstellung geht nicht aufs Flächige, son-
dern rückt aus der Bildebene ins Perspektiv-
ische. Er schneidet eine Obstschale, einen
Pokal, einen Henkelkrug aus, wählt aber nicht
den einfachen, man möchte sagen objektiven
Außenumriß, sondern eine beliebige Kontur
und arbeitet dann die Fortsetzung der Außen-
ränder durch Einschnittspuren ein. Er bezieht
eine Büste in eine Komposition ein und ent-
scheidet sich absichtlich gegen das übliche Profil
von der Seite: er faßt den Kopf vielmehr halb-
frontal und porträtiert mit Binnenlinien die
Gesichtszüge und den Ansatz der Haarlocken
hinein. Ja, um den Eindruck der Plastizität zu
sichern, „schraffiert" er ein wenig am Hals und
gibt dem einen Auge eine übertriebene Ver-
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